Naturschutzbund Österreich fordert umfassenden Schutz für Käfer, Fliegen und Schmetterlinge als ökologische Lebensversicherung



Bildinfo (v.o.): Käfer wie der „Metallische Rosenkäfer“, Fliegen wie die Schwebfliege „Mistbiene“ und Schmetterlinge wie der Nachtfalter „Taubenschwänzchen“ leisten – als eher unbekannte Bestäuber – einen mindestens ebenso wichtigen Beitrag zu Artenvielfalt und Ernährungssicherheit wie Bienen.
© Franz Kößl, Harald Mark, Philipp Schubert
Wenn das Wort Bestäubung fällt, wandern die Gedanken unweigerlich zur Honigbiene (Apis mellifera). Doch ein Blick in die heimische Natur zeigt: Eine hochspezialisierte Vielzahl an „unbekannten Bestäubern“ sichert die biologische Vielfalt und die Stabilität unserer Ökosysteme. Der Naturschutzbund Österreich unterstreicht die Notwendigkeit, den Schutz über klassische „Bienenweiden“ hinaus auf die gesamte Insektenvielfalt auszuweiten.
Bestäubungssyndrome ermöglichen das perfekte „Match“
Pflanzen und ihre Bestäuber haben im Laufe der Evolution perfekt aufeinander abgestimmte Partnerschaften entwickelt. Während die Honigbiene als prominenter Generalist gilt, nutzen Pflanzen spezifische Formen, Nektarmengen, Düfte und Farben, um genau die richtigen Bestäuber anzulocken. Die Passgenauigkeiten zwischen Blüte und Tier nennt man Bestäubungssyndrome.
- Schmetterlinge: Stieltellerblüten wie die Schlüsselblume sind exklusiv für Falter geeignet, die mit ihrem langen Rollrüssel den Nektar erreichen. Während Tagfalter von den Farben rot, blau und pink angezogen werden, reagieren Nachtfalter auf starke Düfte in der Dämmerung.
- Käfer & Fliegen: Scheibenblüten wie der Wiesen-Bärenklau locken kurzrüsselige Insekten an, weil sie flach sind und der Nektar offen angeboten wird. Zudem werden die Tiere durch helle Farben oder starke Duftstoffe angezogen. Typische Bestäuber sind vorwiegend Käfer sowie Fliegen (v.a. Schwebfliegen), aber auch Wespen und gelegentlich Wanzen mit kurzen leckend-saugenden Mundwerkzeugen.
- (Wild-)Bienen: Sie sind schwer und kräftig genug, um komplexe Lippenblüten „aufzudrücken“. Die Bestäuber der Lippenblüten, wie sie beispielsweise Taubnesseln besitzen, mögen die leuchtenden Farben Blau, Violett oder Gelb. Besonders raffiniert sind die UV-Markierungen auf der Unterlippe, die den Bestäubern als effektive Landehilfe dienen.
Viele heimische Pflanzenarten locken jedoch zur Sicherheit mehrere Bestäuberarten an. Der Löwenzahn (Taraxacum officinale) wird von Wildbienen, Honigbienen, Schwebfliegen, anderen Fliegenarten (z.B. Blumenfliegen oder Echte Fliegen) und kleinen Käfern besucht. Die Brombeere (Rubus fruticosus) ist ein Magnet für Schmetterlinge, Honig- und Wildbienen, Schwebfliegen und andere Fliegenarten (z.B. Fleischfliegen). Flockenblumen (Centaurea) sind „Tankstellen“ für Honig- und Wildbienen, Schmetterlinge wie auch Schwebfliegen und andere Fliegenarten (z.B. Raupenfliegen).
Bestäubervielfalt als Lebensversicherung
„Diese Diversität ist unsere ökologische Versicherung“, betont Carolina Trcka-Rojas, Expertin beim Naturschutzbund Österreich. „In den kalten Hochlagen der Alpen sind Fliegen, wie beispielsweise Schwebfliegen, Blumenfliegen, Echte Fliegen oder Schmeißfliegen, oft die Einzigen, die bei niedrigsten Temperaturen noch umherschwirren und bestäuben. Schwebfliegen leisten zudem unverzichtbare Arbeit bei Obstbäumen und Rapsfeldern, während Schmetterlinge als ‘Fernreisende‘ weit entfernte Pflanzenpopulationen genetisch miteinander verbinden.“
Jetzt Schritte gegen das Insektensterben setzen!
„Um die Gesamtheit unserer fleißigen Bestäuber zu schützen, müssen wir über die reine ‚Bienenweide‘ hinausdenken und strukturelle Diversität schaffen“, appelliert Trcka-Rojas. Dies bedeutet primär den Erhalt von Totholz für Käferlarven, offene Bodenstellen und die gezielte Förderung von Wirtspflanzen für Raupen. Viele Bestäuber stellen im Larvenstadium völlig andere Ansprüche an ihren Lebensraum als im erwachsenen Stadium. Ein wesentlicher, oft übersehener Faktor ist auch die Lichtverschmutzung: Da Nachtfalter einen beträchtlichen Teil der Bestäubungsleistung erbringen, ist die Reduktion von künstlichem Licht durch warmweiße LEDs (< 3000 K) und eine gezielte Abschirmung notwendig, um deren nächtliche Aktivitätszyklen nicht zu unterbrechen. Darüber hinaus sichert ein zeitversetztes Mähen von Teilflächen die kontinuierliche Verfügbarkeit von Nahrung und Rückzugsorten. Die Bereitstellung von flachen Wasserstellen unterstützt zudem die Thermoregulation und den Nestbau vieler Arten. „Nur ein multidimensionaler Ansatz, der auch die sensiblen Larvalstadien vor Pestizidexposition schützt, kann die Resilienz unserer Bestäubungssysteme langfristig sichern“, so Trcka-Rojas abschließend.
Fotos teilen – Wissen mehren
Der Naturschutzbund bittet, Fotos von (unbekannten) Bestäubern auf seiner Citizen-Science-Plattform www.naturbeobachtung.at oder der gleichnamigen App zu teilen, um mehr über Vorkommen und Verbreitung dieser interessanten Arten zu erfahren.
