Rund ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher leidet unter einer Allergie. Nahrungsmittel, Tiere, Hausstaubmilbe – und viele Varianten mehr. Den mit Abstand größten Anteil haben allerdings Pollen. Anfang Mai beginnen traditionell die Gräser zu blühen. Da es sich bei den sogenannten Süßgräsern um eine riesige Familie handelt, erstreckt sich die Blüte bis in den September. Die GeoSphere Austria und die MedUni Wien arbeiten eng zusammen, um die Bevölkerung bestmöglich zu informieren.
Wiesen-Fuchsschwanzgras und Ruchgras gelten als Vorboten und läuten die Gräserpollensaison quasi ein. Auch das Wiesen-Rispengras hat zu blühen begonnen. „Das heißt, die Gräserpollensaison startet“, erklärt Katharina Bastl vom Pollenservice Wien der MedUni Wien. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Maximilian ist sie vor allem in der Bundeshauptstadt den Pollen auf der Spur. Glatthafer, Knäuelgras – woran die meisten Menschen achtlos vorübergehen, ist für die beiden von höchstem Interesse. Denn die Pollenfalle am Dach der Gerichtsmedizin am Gelände der MedUni Wien im 9. Bezirk, wo sich ansonsten allerlei Material ansammelt, aus dem man die nötigen Schlüsse ziehen kann, nützt bei der Bestimmung von Gräserarten nichts. „Gräserpollenkörner sind unter dem Mikroskop nicht zu unterscheiden“, sagt Maximilian Bastl.
Deshalb arbeitet die MedUni Wien eng mit der GeoSphere Austria zusammen. Denn dort ist man auf Phänologie spezialisiert. Der Begriff leitet sich vom altgriechischen phaíno ab, was so viel wie „ich erscheine“ heißt. Es geht um die jahreszeitlichen Entwicklungen in der Tier- und Pflanzenwelt: Wann treten Erscheinungsformen wie zum Beispiel Knospenaufgang, Blüte, Fruchtreife und Laubfall oder auch der erste Maikäfer des Jahres auf?
Jede Beobachtung ist hilfreich für Allergiker
Dabei setzen die Forscherinnen und Forscher auf die Bevölkerung. Sei es auf der Webseite phenowatch.at oder mittels Naturkalender-App. Man teilt seine Beobachtungen und Aufzeichnungen und trägt damit maßgeblich zur Vervollständigung des phänologischen Gesamtbildes bei. In der Naturkalender-App kann nach verschiedenen Pflanzenarten gefiltert werden. So kann man beispielsweise einsehen, ob bereits Beobachtungen zur Blüte des Knäuelgrases in der Region gemeldet wurden. Durch die Zusammenarbeit von GeoSphere Austria und Pollenservice Wien wurden im vergangenen Jahr weitere allergologisch relevante Pflanzen in die App aufgenommen. „Die Beobachtung kann somit für Pollen-Allergikerinnen und -Allergiker hilfreich sein“, betont Klimatologin Kerstin Haslehner von der GeoSphere Austria. „Um aktuelle Entwicklungen in der Pflanzen- und Tierwelt zu dokumentieren, brauchen wir phänologische Beobachtungen aus ganz Österreich. Mit der Naturkalender-App kann jeder ganz einfach mithelfen. Wir freuen uns über alle, die mitmachen.“
Pollenflug bis in den Herbst
Die ältesten phänologischen Beobachtungen im Datensatz von GeoSphere Austria stammen aus dem Jahr 1851. Für den Blühbeginn des aus allergologischer Sicht relevanten Gewöhnlichen Knäuelgrases gibt es dokumentierte Beobachtungen ab dem Jahr 1943. Diese Beobachtungszeitreihe ermöglicht es, die Verschiebung des Blühbeginns des Knäuelgrases durch den Klimawandel zu untersuchen. Von 1961 bis 1990 begann die Blüte des Knäuelgrases im österreichweiten Mittel noch zwei Wochen später als in der Periode von 1991 bis 2020.
Auch für Katharina und Maximilian Bastl bricht nun eine zeitintensive Phase an. Denn zusätzlich zur Auswertung der Pollenfalle, heißt es jetzt vermehrt „rausgehen und schauen“. Das hat mit erholsamen Spaziergängen in Wäldern und auf Wiesen nichts zu tun, denn dem Expertenauge sollte nichts entgehen. Höchste Konzentration ist gefragt. Nicht nur heimische Arten sind für Allergikerinnen und Allergiker eine Belastung. Auch „eingeschleppte“, also invasive Arten wie das Hundszahngras und die Bluthirse haben sich dazugesellt. „Außerdem werden im urbanen Raum gerne Ziergräser gepflanzt“, ergänzt Maximilian Bastl. Die Blüte der Ziergräser ist vor allem im Sommer ein Thema und verlängert damit die Zeit für all jene Menschen mit Gräserpollenallergie.
Ist der Sommer vorüber und zieht der Herbst ins Land, beginnt die Schilfblüte. Das ist vor allem im Seewinkel rund um den Neusiedler See ein Thema, aber auch entlang der Donau. „Gräserpollen lassen sich vom Klimawandel nicht beeindrucken: Die Gesamtpollenmenge bleibt tendenziell stabil“, ergänzt Katharina Bastl. Und noch ein Hinweis für all jene, die die Sommermonate in den Bergen verbringen: Dort beginnt die Gräserpollensaison rund einen Monat später, also ausgerechnet in der Urlaubszeit.
Phänologische Zeitreihen des Blühbeginns des gewöhnlichen Knäuelgrases in Österreich. Die österreichischen Beobachtungen wurden dafür mittels multipler Regression auf eine Station mit den fiktiven Koordinaten 15°E, 48°N und 200 m reduziert und gemittelt. Blaue Balken zeigen einen späteren Eintrittstermin an, rote einen früheren ->Phänologische Zeitreihe, gewöhnliches Knäuelgras









