Social Media, Leistungsdruck und Zukunftssorgen: Was junge Menschen belastet, wann Eltern genauer hinschauen sollten und welche Unterstützung OÖ Gesundheitsbetriebe bieten
Ein Video noch, eine Nachricht beantworten, schnell schauen, was die anderen machen: Für viele junge Menschen gehören Smartphone und Social Media selbstverständlich zum Alltag. Dazu kommen Leistungsdruck in Schule und Ausbildung sowie Sorgen um die eigene Zukunft. Wie sehr gerade der Leistungsdruck belastet, zeigt eine österreichweite Befragung von mehr als 14.000 Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Mental Health Days 2025. Fast die Hälfte empfindet Leistungsdruck und den eigenen Anspruch an Perfektion als belastend (*Quelle: Sozialministerium, 2026). Echte Ruhephasen werden dadurch mitunter rar. Doch wann wird aus alltäglicher Belastung ein gesundheitliches Problem? Die Fachgruppe Gesundheitsbetriebe der Wirtschaftskammer Oberösterreich zeigt gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Rehabilitation und Arbeitsmedizin, welche Warnsignale Eltern ernst nehmen sollten und warum frühe Unterstützung entscheidend ist.
„Psychische Gesundheit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass junge Menschen ihren Alltag bewältigen, ihre Ausbildung abschließen und ihren Weg ins Berufsleben finden können. Umso wichtiger ist es, Belastungen früh ernst zu nehmen und bei Erkrankungen professionelle Unterstützung sicherzustellen. Rehabilitation kann einen wichtigen Beitrag leisten, um wieder Stabilität zu gewinnen und in Alltag und Berufsleben zurückzufinden“, betont Patrick Hochhauser, Obmann der Fachgruppe Gesundheitsbetriebe der Wirtschaftskammer Oberösterreich.
Wenn aus einer schwierigen Phase mehr wird
Dass das Leben manchmal anstrengend ist, gehört auch für Jugendliche und junge Erwachsene dazu. Entscheidend ist, wie lange Veränderungen anhalten und wie stark sie den Alltag beeinträchtigen. Dabei gibt es nicht das eine Warnsignal. Vielmehr sollten Eltern aufmerksam werden, wenn sich das Verhalten ihres Kindes über einen längeren Zeitraum deutlich verändert.
„Belastungen gehören zum Leben. Wenn sich junge Menschen aber über Wochen zurückziehen, schlecht schlafen, dauerhaft erschöpft oder traurig sind und ihr Alltag zunehmend beeinträchtigt wird, sollte man genauer hinschauen. Auch ein deutlicher Leistungsabfall, der Verlust von Interessen oder Aussagen wie „Ich bin nicht gut genug“ können Warnsignale sein. Je früher Unterstützung einsetzt, desto eher kann verhindert werden, dass sich Probleme verfestigen“, erklärt Karin Reiter-Prinz, Ausschuss-Mitglied der oö. Fachgruppe Gesundheitsbetriebe. Frühzeitige Behandlung könne auch verhindern, dass die schulische, soziale oder später berufliche Entwicklung langfristig beeinträchtigt ist.
Ständiger Vergleich, wenig Zeit zum Abschalten
Gerade Social Media kann für junge Menschen zusätzlichen Druck erzeugen. Wer laufend sieht, wie andere aussehen, was sie erleben oder scheinbar mühelos erreichen, stellt schnell die Frage: Bin ich gut genug? Gleichzeitig sorgen die ständige Bilder- und Videoflut und das Gefühl, immer erreichbar sein und nichts verpassen zu müssen, für permanente Reize. Reicht die Smartphone-Nutzung bis in die Nacht, kommen Schlafmangel und Erschöpfung hinzu. „Sie haben keine Pause im Kopf“, beschreibt Reiter-Prinz diese Situation.
Verbote allein sind aus ihrer Sicht nicht die Lösung. Eltern können früh einen bewussten Umgang mit Smartphone und Social Media fördern, handyfreie Zeiten vereinbaren und Interesse daran zeigen, womit sich ihre Kinder online beschäftigen. Entscheidend ist dabei auch die eigene Vorbildwirkung: Wie selbstverständlich legen Erwachsene selbst das Smartphone zur Seite?
Zuhören, bevor man Lösungen präsentiert
Wenn Eltern merken, dass es ihrem Kind nicht gut geht, müssen sie nicht sofort eine Antwort auf jedes Problem haben. Ruhig nachfragen, aktiv zuhören und ernst nehmen, was den jungen Menschen beschäftigt, kann ein wichtiger erster Schritt sein. Reiter-Prinz rät davon ab, Probleme kleinzureden oder unmittelbar fertige Lösungen zu präsentieren. Bleiben Beschwerden über längere Zeit bestehen oder beeinträchtigen sie Schule, Ausbildung oder Alltag, sollte professionelle Hilfe gesucht werden.
Professionelle Unterstützung kann je nach Situation unterschiedliche Formen annehmen. Nach einer akuten psychiatrischen Erkrankung kann Rehabilitation dazu beitragen, wieder einen strukturierten Tagesablauf aufzubauen und gemeinsam neue Strategien und Routinen für den Alltag zu entwickeln. Reiter-Prinz verweist dabei auf einen multiprofessionellen Ansatz, der unter anderem Psychotherapie, Ergo- und Physiotherapie sowie Sozialarbeit umfassen kann.
Belastungen enden nicht mit dem Berufseinstieg
Wie wichtig ein guter Umgang mit psychischen Belastungen ist, zeigt sich auch beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. Sabine Seyfriedsberger, Ausschuss-Mitglied der oö. Fachgruppe Gesundheitsbetriebe, beobachtet bei jungen Beschäftigten unter anderem Angststörungen, depressive Verstimmungen und Überforderung. Gleichzeitig sieht sie eine positive Entwicklung: Junge Menschen sprechen heute früher darüber, wenn es ihnen nicht gut geht.
„Junge Menschen sind heute mündiger und melden sich früher, wenn sie Probleme haben. Das ist eine positive Entwicklung. Entscheidend ist, sie beim Einstieg ins Berufsleben dort abzuholen, wo sie stehen, und ihnen verlässliche Ansprechpersonen anzubieten“, so Seyfriedsberger. Betriebe könnten dazu beitragen, indem sie Lehrlinge von Beginn an begleiten und niederschwellige, vertrauliche Ansprechmöglichkeiten etwa durch Arbeitsmedizin oder Arbeitspsychologie schaffen.
Für Reiter-Prinz sind am Ende drei Dinge besonders wichtig und zwar für Eltern und das gesamte Umfeld junger Menschen: Zeit und echte Aufmerksamkeit, verlässliche Strukturen sowie Sicherheit und Wertschätzung. Junge Menschen sollten wissen: „Ich bin okay, so wie ich bin.“










