Häusliche Gewalt und Überforderung: Wo fängt Gewalt an?

Das Jahr 2022 markiert ein besonderes Jubiläum, trat doch vor 30 Jahren die UNKinderrechtskonvention in unserem Land in Kraft. Das war auch die Geburtsstunde der weisungsfreien Kinder- und Jugendanwaltschaft des Landes OÖ / KiJA OÖ, deren Aufgabe es ist, auf die Wahrung der Rechte und Interessen der Kinder und Jugendlichen zu achten. Vor allem der Schutz von Kindern war und ist dabei stets ein großes Thema: „Jedes Kind ha das Recht, vor Gewalt in jeglicher Form geschützt zu werden“, so steht es in Art. 19 der UNKinderrechtskonvention. Zusätzlich zu diesem Bekenntnis, das seit dem Jahr 2011 auch in der Bundesverfassung verankert ist, ist in Österreich das Gewaltverbot in der Erziehung schon seit 1989 in Kraft.

Das Wissen in der Bevölkerung über das gesetzliche Gewaltverbot in der Erziehung hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen, wie auch die aktuelle Trendmessung des Marktforschungsinstituts Spectra im Auftrag der Kinder- und Jugendanwaltschaft OÖ / KiJA OÖ belegt. So ist das gesetzliche Gewaltverbot in der Erziehung mehr als sieben von zehn Oberösterreicher*innen bekannt und dieser Bekanntheitswert ist inzwischen in allen Alters- und Bildungsgruppen sehr hoch.

Dieses Wissen kommt allerdings noch viel zu wenig in den Familien an, da vielfach das Verständnis darüber fehlt, wo Gewalt beginnt, und dass auch Demütigungen, Abwertungen, Beschimpfungen oder „Hand ausrutschen“ dazu zählen. Große Herausforderungen bringen die erstmals mit der aktuellen Studie erhobenen Auswirkungen der Corona-Pandemie, insbesondere die wahrgenommene Überforderung in den Familien. Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen sowie die Abnahme von außerhäuslichen Aktivitäten dürften die in der Umfrage wahrgenommenen Veränderungen – wie „Kinder
werden öfter angeschrien“ bis hin zu „Fälle von häuslicher Gewalt sind schwerer geworden“ – begünstigen. Diese Entwicklung findet sich auch im Beratungsalltag der Kinder- und Jugendanwaltschaft des Landes OÖ bestätigt.

Landesrat Mag. Michael Lindner mit der Kinder- und Jugendanwältin Mag.a  Christine Winkler-Kirchberger
 (C) Land OÖ/Margot Haag

Kinderrechte gehen uns alle an!

Häufig entsteht Gewalt in der Erziehung aus einer Situation der Überforderung. Die Doppelbelastung durch Beruf und Kindererziehung, die steigende Anzahl von Alleinerziehenden, vor allem aber auch die allgemeine Krisenstimmung in der Gesellschaft, Zukunftsängste und finanzielle Sorgen erhöhen den Druck auf die Erziehungsverantwortlichen. Deutlich vermehrt haben Eltern in den letzten Jahren das
Gefühl, bei der Kindererziehung alleine gelassen zu werden. Vor allem mangelt es ihnen an Anerkennung ihrer pädagogischen Arbeit durch die Gesellschaft.

Es braucht ein gesellschaftliches Bekenntnis zu unseren Kindern – und zu den Kinderrechten! Nicht nur ihre Eltern sind für die jungen Menschen in unserem Land verantwortlich. Wir sind als Gesellschaft gefordert, gute Rahmenbedingungen für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen! Von Gewaltschutz über Chancengleichheit, Bildung und Ausbildung, Gesundheit und Integration bis hin zu Freizeitgestaltung und Mitbestimmungsmöglichkeiten – die Kinderrechte sind dafür ein guter Gradmesser!

Gewalt an Frauen bedeutet oft auch Gewalt an Kindern

„Orange the World“, die weltweite UN-Kampagne im Rahmen der „16 Tage gegen Gewalt“ von 25. November bis 10. Dezember, wird auch von der KiJA OÖ unterstützt. Sie soll auf das Ausmaß und die verschiedenen Ausprägungen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam machen. Jede fünfte Frau in unserem Land ist körperlicher, psychischer und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Gewalt an Frauen bedeutet oft auch Gewalt an Kindern, überdies sind Kinder viel zu oft auch stumme Zeug*innen von häuslicher Gewalt. So lebt etwa jedes vierte Kind in Österreich mit einer Mutter, der Gewalt widerfährt.

Gute Gründe für eine gewaltfreie Kindheit

Jede Gewaltanwendung an einem Kind ist ein Angriff auf seine Würde. Kinder, die Gewalt erfahren, sind ängstlicher, haben weniger Selbstbewusstsein, ein erhöhtes Krankheitsrisiko und auch ihre Beziehungsfähigkeit leidet. Die psychischen und körperlichen Folgen von Gewalterfahrungen wirken oft bis ins Erwachsenenalter. Wer als Kind Gewalt erfahren hat, braucht später häufig professionelle Hilfe und Begleitung zur Bewältigung des Erlebten. Die Sensibilisierung für einen gewaltfreien Umgang miteinander und auch die Unterstützung sowohl für Eltern als auch für Kinder in schwierigen Situationen muss daher von einem breit getragenen gesellschaftspolitischen Konsens gestützt werden.

Neben Prävention braucht es kontinuierliche, zielgruppengerechte und vor allem niederschwellige Unterstützungsangebote. Ansätze hierfür können etwa die Etablierung von „Frühen Hilfen“ oder von Familienberatungsangeboten mit interkulturellen Zugängen sein oder geschlechtsspezifische Präventionsangebote, insbesondere auch für Burschen. Im schulischen Bereich muss mehr Fokus auf Soziales Lernen, Konfliktmanagement und Medienkompetenz gelegt werden und es braucht ausreichende Ressourcen für schulische Unterstützungssysteme, insbesondere die Schulsozialarbeit.

Studie „Gewaltverbot in der Erziehung“ im Auftrag der KiJA OÖ

Die Studie „Gewaltverbot in der Erziehung“ des Marktforschungsinstituts Spectra im Auftrag der KiJA OÖ soll das Wissen um das Gewaltverbot in der Erziehung, die Einstellung und das Erziehungsverhalten der oberösterreichischen Bevölkerung in regelmäßigen Abständen erheben. Die aktuelle 3. Trendmessung hat erneut das Stimmungsbild zu diesen Schwerpunkten eingefangen. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen auf, ob und inwieweit durch die gesetzliche Grundlage ein Umdenken in der Bevölkerung stattgefunden hat. Zudem wurde der Fragenkatalog um den Begriff „häusliche Gewalt“ erweitert. Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen wurde bewusst aus dieser Untersuchung ausgenommen. Da dieser eine spezifische Familiendynamik (etwa das sogenannte Schweigegebot) zugrunde liegt, ist die gewählte Untersuchungsmethode dafür nicht geeignet.

Zu den genauen Ergebnissen der Studie geht es hier:

https://www.kija-ooe.at/Mediendateien/14-4296_KiJA_Pr%c3%a4sentation.pdf

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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