20 Jahre Psychosomatik am Neuromed Campus des Kepler Universitätsklinikums

Das Department für Psychosomatik wurde im September 2002 im damaligen Wagner-Jauregg Krankenhaus unter der Leitung von Prim.a Dr.in Helga Mezgolich eröffnet. Schwerpunkt war zunächst der Aufbau einer Station für Schmerzpatient/-innen und Patient/-innen mit Essstörungen. Nach einem Jahr erfolgte die Erweiterung um eine psychosomatische Tagesklinik. Damit war das „psychosomatische Konzept“ entworfen. Charakteristisch ist ein strukturiertes Therapieprogramm bestehend aus Einzeltherapien und Gruppentherapien, das von einem multidisziplinären Team, bestehend aus Ärzt/-innen, Pflegepersonen, Psycholog/-innen, Psychotherapeut/-innen, Ergotherapeut/-innen, Musiktherapeutinnen, Physiotherapeut/-innen und Sozialarbeiter/-innen, angeboten wird. Innerhalb dieser strukturierten Therapie werden individuelle Behandlungsprozesse angestrebt, die auf die Situation und die Ziele der Patient/-innen abgestimmt sind.

Die weitere Historie
2005 fiel die Entscheidung, dass die Abteilung geteilt werden sollte. Die Station wurde in das damalige Landeskrankenhaus Enns transferiert. Dort wurde ein Department für Psychosomatik eingerichtet. Die psychosomatische Tagesklinik verblieb im damaligen Wagner-Jauregg Krankenhaus. Hier wurde dann auch ein psychosomatischer Konsiliar-Liaison-Dienst neu etabliert. Hierbei geht es darum, dass Ärzt/-innen/Psycholog/-innen und Pflegekräfte der Psychosomatik auf somatischen Abteilungen (am NMC auf der Neurologie und Neurochirurgie) mitarbeiten und zugewiesene Patient/-innen mit einem ganzheitlichen biopsychosozialen Behandlungsansatz unterstützen.
2010 wurden beide Bereiche von Enns und Linz unter der Leitung von Dr.in Hertha Mayr zusammengeführt und im Jahr 2013 in den Neuromed Campus eingegliedert. Das Department für Psychosomatik am Linzer Standort besteht nun aus zwei Stationen, einer Tagesklinik, einer Ambulanz und dem psychosomatischen Konsiliar-Liaison-Dienst unter der Leitung von Prim.a Dr.in Hertha Mayr.
2015 erfolgte eine bedeutsame Erweiterung des Behandlungsspektrums durch die Einrichtung des MVZ – Multidisziplinäres Versorgungszentrum für Menschen mit Essstörungen und deren Angehörige. 
In dieser Spezialambulanz für Menschen mit Essstörungen werden seither Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene ab 18 Jahren multidisziplinär behandelt. Ein wesentlicher Aspekt der Behandlung ist auch die Einbeziehung der Angehörigen mit dem Ziel der Entlastung.

Grundsätzliches zur Psychosomatik
Die Psychosomatik versteht sich als Teilbereich der Psychiatrie, es besteht jedoch eine enge Kooperation mit somatischen Fächern, z.B. Neurologie, Gynäkologie, Innere Medizin, wenn es um die Behandlung von sowohl körperlich erkrankten, als auch psychisch belasteten Menschen geht.
Ein weiterer Aufgabenbereich der Psychosomatik betrifft Patient/-innen mit komplexen psychiatrisch-psychosomatischen Erkrankungen. Zu diesen Patient/-innengruppen zählen z.B. Patient/-innen mit Stress- und Traumafolgeerkrankungen, somatoformen Störungen, dissoziativen Störungen und Essstörungen, die auch häufig in Kombination mit depressiven Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen auftreten.

Typisch für die Psychosomatik sind komplexe, strukturierte Behandlungsangebote, die ambulant, tagesklinisch oder stationär angeboten werden.

In der Psychosomatik geht es um die körperlich seelischen Wechselwirkungen von Krankheiten. Wesentlich ist eine patientenzentrierte ärztliche Haltung. Psychotherapie ist ein zentrales Behandlungsverfahren und die Behandlung wird von einem multiprofessionellen Team angeboten. Psychosomatik als medizinische Grundhaltung geht davon aus, dass immer sowohl somatische als auch psychische und soziale Aspekte zu berücksichtigen sind.

In der Behandlung geht es darum, körperliche und psychische Wechselwirkungen bei sich selbst verstehen zu lernen. Unsere Patient/-innen werden dabei unterstützt, individuelle Ziele zu finden, die dazu beitragen, die eigene Lebensqualität wieder zu verbessern. Wichtige Themen der Behandlung sind eigene Emotionen wahrzunehmen, zu erkennen und mit ihnen umgehen zu lernen, ebenso die eigenen Bedürfnisse erkennen zu lernen und sich für diese einsetzen zu lernen, sich wieder der eigenen Ressourcen und Stärken bewusst zu werden und diese wiedereinsetzen können.

„Die Qualität der Zusammenarbeit der unterschiedlichen medizinischen Berufsgruppen im Team ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Dabei geht es um Respekt der unterschiedlichen Einschätzungen und um ein konstruktives Zusammenfügen der Beiträge unterschiedlicher 
Therapeut/-innen,“
 sagt Prim.a Dr.in Hertha Mayr.

Aktuelle Schwerpunkte an Hand zweier Beispiele

Die aktuellen Schwerpunkte des Departements sind die Behandlung von funktionellen Körperbeschwerden, von somatoformen Störungen und chronischen Schmerzen, von Erschöpfungssyndromen, von Essstörungen, von Borderline Störungen sowie von Traumafolgestörungen. Ganz aktuell spielen die Folgen der Corona-Pandemie auch hier eine große Rolle.

„Wir beobachten eine merkbare Steigerung im Zulauf von jungen Patient/-innen mit Essstörungen. Als neue Herausforderung kommt auch die Long Covid-Problematik auf die Psychosomatik zu, wenn es zu chronifizierten Verläufen kommt und seitens der klassisch somatischen Medizin nicht ausreichend geholfen werden kann“, sagt Prim.a Dr.inHertha Mayr.

Beispiel 1: Funktionelle Körperbeschwerden

Ein Drittel der erwachsenen Patient/-innen des Departements weisen funktionelle Körperbeschwerden auf. Diese sind vielgestaltig, verlaufen oft chronisch und beeinträchtigen die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Betroffenen.
Der Begriff bezeichnet ein breites Spektrum von Beschwerdebildern:

·         Anhaltende unspezifische Beschwerden, die zu einem Arztbesuch veranlassen. Sie können nicht einer Krankheit zugeordnet werden und beeinträchtigen trotzdem die Funktionsfähigkeit.

·         Es kann sich auch um „Symptomcluster“ handeln, wie Fibromyalgiesyndrom oder Reizdarmsyndrom, die meistens mit relevanten Einschränkungen der Funktionsfähigkeit einhergehen.

·         Es kann sich auch um somatoforme Störungen mit erheblicher Beeinträchtigung des Funktionsniveaus handeln, z.B. anhaltend somatoforme Schmerzstörung, z.B. psychogener Rückenschmerz.

Funktionelle Körperbeschwerden müssen von vorübergehenden Befindlichkeitsstörungen abgegrenzt werden, die im Alltag häufig vorkommen und nur selten zum Arztbesuch führen. Sie beinträchtigen die Funktionsfähigkeit allenfalls kurzfristig und haben keinen Krankheitswert.
Menschen mit funktionellen Störungen können durchaus auch körperliche Befunde aufweisen. Deshalb ist eine schnelle, eindeutige Zuordnung der Beschwerden als funktionell selten möglich.
Bei funktionellen Körperbeschwerden geht man von einer multifaktoriellen, biopsychosozialen Entstehung aus und unterscheidet prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren.
Die Beschwerden werden von Patient/-innen im Körper wahrgenommen, sodass sie üblicherweise davon ausgehen, körperlich erkrankt zu sein und vom ihrer/m Ärztin/Arzt eine körperliche Diagnose als Erklärung für die Beschwerden erwarten und dazu passende Behandlungs-vorschläge. Ärztlicherseits ist es wichtig, eine „Sowohl-als-auch-Perspektive“ einzunehmen, das heißt, sowohl auf körperliche als auch psychosoziale Beschwerdeaspekte zu achten.

Beispiel 2: Schmerzverständnis/Chronische Schmerzen

Schmerzen sind Alarmsignale des Körpers, damit größerer Schaden verhindert werden kann. Schmerzen sind auch ein Alarmsignal der Psyche, und treten auf, wenn die psychische Integrität gefährdet wird, z.B. bei psychosozialer Überlastung, bei Ausgrenzung, nach Verlusten.
Schmerz kann verschiedene Ausprägungen haben, z.B. er kann brennend, stechend oder ziehend sein. Sinneszellen reagieren auf bestimmte Reize wie Hitze, Druck, oder chemische Reize. Diese Information wird in das Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet. Schmerzreize stellen für unser Gehirn „Stressoren“ dar, sie werden mit den Möglichkeiten des stressverarbeitenden Systems in unserem Gehirn verarbeitet. Dort gibt es keine scharfen Abgrenzungen zwischen körperlichem und psychischem Schmerz.
Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn sie länger als drei Monate dauern. Vor allem mit der Therapie der Psyche wird bei chronischen körperlichen Beschwerden oft zu spät begonnen, weil diese Beschwerden im Körper wahrgenommen werden und somit zu lange als rein körperlich verstanden werden.
Wenn chronische Schmerzen behandelt werden, bedeutet dies auch, dass Betroffene ihre Schmerzen „verstehen“ lernen. Letztendlich geht es um eine Entdeckungsreise und eine „Zuwendung“ zu sich selbst. Je länger Schmerzen dauern, umso mehr werden sie im Gehirn im Sinne eines Schmerzgedächtnisses verankert. Deshalb sollten sich Betroffene bald mit ihren Schmerzen auseinandersetzen.

„Wenn die klassische medizinische Betreuung keine zufriedenstellende Hilfe bringt, empfiehlt sich ein psychosomatischer Ansatz. Hier wird die medizinische Behandlung mit Empfehlungen und Therapien für die Psyche ergänzt, z.B. ermutigende Beratung zu Verhaltensweisen im Sinne eines gesunden, körperlich aktiven Lebensstils, Psychotherapie, Achtsamkeit“, so  Prim.a Dr.in Hertha Mayr.

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Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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