Lokal entwickelt, global erfolgreich: Heimische Automobilbranche gestaltet Mobilität von morgen

Das drohende Verbrenner-Aus in Europa, brüchige Lieferketten, Material- und Personalmangel – an Herausforderungen für die Automobilindustrie und deren Zulieferer mangelt es derzeit nicht. Umso intensiver diskutierten bei der Branchenkonferenz „automotive 2022“ im Oberbank Donau Forum in Linz 140 Unternehmensvertreter:innen Lösungen und Zukunftschancen.

„Wir stehen in einem Boxring voller komplexer Herausforderungen“, fasst Florian Danmayr, Manager des Automobil-Clusters Oberösterreich, das Stimmungsbild in der Branche zusammen. Doch es gebe viel Positives in diesen verrückten Zeiten zu berichten: „Kein einziger der 280 Partnerbetriebe des Automobil-Clusters musste in den vergangenen Jahren zusperren, weil alle – vom Mitarbeiter bis zum obersten Manager – die Stärken des Standorts eingesetzt haben: das vorhandene Know-how nutzen, Einsatz zeigen, kreative, innovative Ideen einbringen und in die Tat umsetzen.” Karl-Heinz Rauscher, Vorsitzender der oö. Fahrzeugindustrie, sparte.industrie der WKOÖ, nannte den Arbeitskräftemangel als größte Herausforderung. Um die Klima- und Umweltziele zu erreichen, müsse die Technologieneutralität gewährleistet bleiben.

Themenvielfalt

Thematisch spannte sich der Bogen dementsprechend von verschiedenen Antriebsformen über automatisiertes Fahren bis hin zur Nachhaltigkeit in Mobilität und Finanzierung. Walter Böhme, Vorstandsmitglied im Verein für Kraftfahrzeugtechnik, zeigte auf, dass es zwar für praktische jede Anforderung – vom Pkw bis zum Frachtschiff – alternative Antriebssysteme gibt, die große Problematik aber in der Energiebereitstellung liegt. „Vom weltweiten Energieverbrauch entfallen momentan 80 Prozent auf Öl, Gas und Kohle“, sagte Böhme. Bei gleichzeitig stark steigender Nachfrage nach Mobilität liege der Schlüssel für nachhaltige Mobilität in einem massiven, schnellen Ausbau von erneuerbarer Energieerzeugung.

Dass Nachhaltigkeit nicht nur ein Energiethema ist, sondern auch für die Finanzierung eine immer größere Rolle spielt, zeigten die Expert:innen der Oberbank auf: Nachhaltigkeitskriterien werden künftig genauso bewertet wie ökonomische Faktoren.

E-Mobilität: Batterien bestimmen die Zukunft 

Wie tiefgreifend E-Mobilität die Automobilindustrie verändert, wurde in den Vorträgen von Markus Kreisel (Kreisel Electric) und Stephan Fester (SAP) klar. „Batterien sind eine Industrie für sich selbst. Es gibt viele neue Player am Markt, es gibt unterschiedliche Strategien der Hersteller – und auf der Rohstoffseite eine starke Abhängigkeit von China”, fasste Stephan Fester zusammen. Als teuerster und CO2-intensivster Komponente eines Elektrofahrzeugs sei bei der Batterie der Weg Richtung Kreislaufwirtschaft vorgezeichnet – einerseits durch gesetzliche Vorschriften, vor allem in Europa, andererseits durch die bewusste Nachfrage der Kund:innen. „Um den CO2-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus hinweg messen zu können – von der Mine bis zum Recycling – braucht es einen Datenaustausch über die gesamte Lieferkette hinweg”, erklärte Fester. SAP hat dafür ein Netzwerk aufgebaut.

Kreisel Electric wächst

Mit Batterietechnologie-Innovationen für Spezialanwendungen punktet das Mühlviertler Unternehmen Kreisel Electric. „Wir haben vor allem, was Sicherheit, Leistung und Kosteneffizienz betrifft, intensiv entwickelt und geforscht”, berichtete Markus Kreisel. Die patentierte Immersionskühlung erhöht beispielsweise die Lebensdauer und bringt Vorteile beim Laden. Mit dem neuen strategischen Partner John Deere, der die Mehrheit an Kreisel hält, will Kreisel in den kommenden Jahren sowohl in Europa als auch in den USA Produktionskapazitäten aufbauen. Die Zeichen stehen jedenfalls auch in Rainbach auf Wachstum: Von derzeit knapp 200 soll der Mitarbeiterstand auf 300 steigen.

Nachhaltiger öffentlicher Verkehr

Noch weiter nördlich, im tschechischen Pilsen, setzt sich Skoda Transportation mit dem öffentlichen Verkehr der Zukunft auseinander. „Saubere Schienenfahrzeuge und (O-)Busse tragen in einer immer urbaner werdenden Welt zu nachhaltiger Mobilität bei“, war Tanya Altmann, Chefin der Bussparte, überzeugt.

Automatisierte Mobilität und Digitalisierung

Dem Faktor Mensch widmeten sich Audio-Mobil-Elektronik-Chef Thomas Stottan und eine Kooperation der Med Uni Graz mit Magna International. Thomas Stottan betonte, dass Ablenkung die Hauptursache für Unfälle sind und daher die Usability im Fahrzeug entscheidend zur Unfallvermeidung beitragen kann. Mit einer eigenen ÖNORM können die Hersteller nun Ablenkungspotenziale feststellen. Die Uni und der Autohersteller arbeiteten gemeinsam an der Frage, wie man die Müdigkeit bei Autofahrer:innen reduzieren kann – und nutzten dabei das Wissen der Chrirurgen, die teilweise stundenlang im Operationssaal stehen. Und sie denken weiter: „Es geht um neue Produkte und Lösungen für das Wohlbefinden der Menschen, wenn sie im Auto nur mehr Passagier sind“, sagte der Chirurg Lars-Peter Kamolz.

Autonomer Güterverkehr

Wie weit es bis dahin aber noch – oder nicht mehr – ist, zeigte die Geschäftsführerin der DigiTrans GmbH, Eva Tatschl-Unterberger. Das Unternehmen stellt Know-how und Testinfrastruktur für die Erprobung von autonomen Nutz- und Transportfahrzeugen zur Verfügung. Unter anderem wird in einem großen EU-geförderten Projekt automatisierter Gütertransport unter realen Wetterbedingungen getestet.

Radar-Kompetenz in Linz

Um automatisiertes Fahren Realität werden zu lassen, braucht es eine Reihe von Sensoren, die wie die menschlichen Sinne arbeiten. Hier ist die Infineon Technologies Linz GmbH & Co KG einer der Spezialisten. Das Unternehmen entwickelt und produziert Radarsensortechnologie für die Automobilindustrie. Damit sollen automatisierte Fahrzeuge sicherer und die Unfallzahlen reduziert werden. Burkhard Neurauter, Head of Radar Product & Test Engineering, betonte: „In Oberösterreich herrschen die optimalen Bedingungen für unsere Entwicklungen, weil das technische Know-how nicht nur in den Unternehmen, sondern auch in den Forschungs- und Bildungseinrichtungen vorhanden ist. In Verbindung mit den Förderungen der öffentlichen Hand ist der Weg von der wissenschaftlichen Forschung zum marktreifen Produkt kurz.“

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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