AK-Präsident Andreas Stangl: „Wenn die Gastronomie Personal finden will, muss sie sich grundlegend ändern!“

Immer mehr Gastronomiebetriebe klagen, dass sie keine Mitarbeiter/-innen finden. Dieses Problem ist vielfach hausgemacht: Die Wirte bekommen jetzt die Rechnung für jene schlechten Arbeitsbedingungen und die ausbeuterischen Praktiken präsentiert, mit denen sie schon vor und auch während der Pandemie ihre Beschäftigten vertrieben haben. „Wenn die Betriebe Personal finden wollen, muss sich die Branche komplett ändern, sowohl was die Arbeitsbedingungen als auch die Bezahlung betrifft“, sagt AK-Präsident Andreas Stangl.

Die Gastronomie verspürt durch die Abschaffung der Corona-Regelungen einen wahren Aufschwung. Allerdings beklagen immer mehr Gastronomen/-innen, dass sie jetzt nicht genug Personal haben, um den Gästeansturm zu bewältigen. Vielfach liegt das an unattraktiven Arbeitszeiten, schlechten Arbeitsbedingungen, niedriger Bezahlung und fehlendem Respekt vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. „Dass sich viele jetzt auf Corona ausreden, ist zu einfach. Die Probleme in der Gastronomiebranche sind schon länger bekannt“, sagt AK-Präsident Andreas Stangl. Dennoch hat sich die Situation seit Corona verschärft: Weil viele Arbeitgeber in der Gastronomie mit Ausbruch der Pandemie und während der Lockdowns – trotz der attraktiven Kurzarbeitsmodelle und großzügiger Corona-Hilfen – ihre Mitarbeiter/-innen fallengelassen haben. „Und jetzt jammern sie und wundern sich, dass das Personal nicht wieder zurückkommt“, sagt Stangl.

Überraschend kommt die vermehrte Flucht aus der Gastronomie nicht: Das Medianeinkommen in der Branche liegt in Oberösterreich mit rund 1.540 Euro brutto fast 1.000 Euro unter dem Durchschnitt aller Branchen. Schon vor der Teuerungswelle sind laut Arbeitsklima Index zwei Drittel der Beschäftigten in Gastronomieberufen kaum oder gar nicht mit ihren Einkommen ausgekommen. Aus dem Arbeitsklima Index geht auch hervor, dass Beschäftigte in der Gastronomie besonders unzufrieden mit ihrer Arbeitszeit und besonders stark durch ständigen Arbeitsdruck belastet sind. „Unter diesen Umständen haben sich viele umorientiert und die Branche gewechselt“, sagt der AK-Präsident und fügt hinzu: „Die Jammerer sollen sich ein Beispiel an den ‚guten Arbeitgebern‘ in der Branche nehmen, denn diese haben vielfach keine Rekrutierungsprobleme.“

Viele kommen auch in die AK-Rechtsberatung: 15 Prozent aller Beratungen betrafen in den vergangenen zehn Jahren Gastronomiebeschäftigte, obwohl diese nur drei Prozent aller AK-Mitglieder ausmachen.

Um den Personalbedarf in den Gasthäusern und Hotels zu decken, muss sich die Branche grundlegend ändern. Neben besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen wäre auch dringend nötig, endlich in Richtung eines nachhaltigen Tourismus, der nicht auf die Ausbeutung von Menschen und Natur setzt, umzudenken.

Konkret fordert die AK Oberösterreich:

• Bessere Entlohnung und bessere, gesunde und faire Arbeitsbedingungen in der Gastronomie und Hotellerie

• Entwicklungsmöglichkeiten und längerfristige Perspektiven für die Beschäftigten

• Rücknahme und Neugestaltung der 2018 erfolgten Gesetzesänderungen im Arbeitszeitgesetz und Arbeitsruhegesetz – insbesondere die vereinfachte Möglichkeit im Gast-, Schank- und Beherbergungsgewerbe, die tägliche Ruhezeit von zwölf auf acht Stunden zu verkürzen

• Keine Vermittlung des AMS in Betriebe mit systematischen Arbeitsrechtsverletzungen oder Anzeigen beim Arbeitsinspektorat

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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