ZAMG: Teils stürmischer Winter 

Der Winter 2021/22 verlief in einigen Regionen Österreichs sehr stürmisch. Der Grund dafür liegt vor allem in natürlichen Schwankungen der Wetterlage über dem Nordatlantik. In den nächsten Jahrzehnten könnten Sturmtiefs durch den menschlich verursachten Klimawandel intensiver werden, vor allem in Nordeuropa.
Die Analyse von Winddaten über lange Zeiträume ist schwieriger als von anderen meteorologischen Größen (z.B. Temperatur), da sich die Messsysteme in den letzten Jahrzehnten deutlich geändert haben und Wind kleinräumig sehr stark variieren kann. Für langfristige Aussagen zu möglichen Trends der Sturmtätigkeit werden daher zum Beispiel Luftdruckdaten herangezogen (siehe auch https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/informationsportal-klimawandel/klimavergangenheit/neoklima/stuerme).
Trotzdem lässt sich zum Beispiel für Wien sagen, dass wir derzeit einen der stürmischsten Winter der letzten 70 Jahre erleben, wie eine Auswertung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigt.
Wien ungewöhnlich stürmisch
„Ein durchschnittlicher Winter der letzten 30 Jahre brachte an der Wetterstation Wien Hohe Warte fünf Tage mit Windböen von mindestens 80 km/h. Heuer gab es bereits 12 stürmische Tage“, sagt ZAMG-Klimatologe Alexander Orlik. „Ähnlich stürmisch war ein Winter in Wien zuletzt 2006/07 mit 13 Sturmtagen. Deutlich mehr waren es in den letzten rund 70 Jahren nur im Winter 1974/75 mit 17 Sturmtagen und im Winter 1975/76 mit 21 Sturmtagen.“
In Innsbruck im vorletzten Winter öfter stürmisch
Überdurchschnittlich stürmisch verlief dieser Winter zum Beispiel auch in Innsbruck. An der Wetterstation Innsbruck Flughafen wurden bisher siebenTage mit mindestens 80 km/h registriert, in einem durchschnittlichen Winter sind es drei. Deutlich mehr Sturm als heuer gab es in Innsbruck zuletzt im Winter 2019/20 mit elf stürmischen Tagen.
Feuerkogel und Patscherkofel 
Ähnliche regionale Unterschiede zeigen auch die Auswertungen von Bergstationen, zum Beispiel:
Am Feuerkogel in Oberösterreich (1618 m Seehöhe) brachte dieser Winter bisher 33 Tage mit Windböen von mindestens 100 km/h. Das ist der höchste Wert der letzten 20 Jahren. Ähnlich stürmisch war es in den Wintern 2006/07 und 2012/13 (jeweils 30 Sturmtage) und 2019/20 (29 Sturmtage). In einem durchschnittlichen Winter sind am Feuerkogel 21 Tage mit mindestens 100km/h zu erwarten.
Anders am Patscherkofel (T, 2247 m): Hier gab es in diesem Winter bisher nur sieben Tage mit mindestens 100 km/h, im Mittel sind es 13. Der höchste Wert der letzten Jahre war im Winter 2013/14 mit 35 stürmischen Tagen. 
Winter typisch für Sturmtiefs
Großflächige Stürme gibt es in Mitteleuropa (und somit in Österreich) vor allem im Winter und im Herbst. In diesen Jahreszeiten sind die Temperaturunterschiede über dem Nordatlantik am größten. Hier bilden sich dann an der relativ scharfen Grenze zwischen warmer Luft im Süden und kalter Luft im Norden häufig Tiefdruckgebiete. Diese Tiefdruckgebiete ziehen vom Atlantik nach Europa und entwickeln sich je nach Wetterlage sehr unterschiedlich. 
Die NAO: Island-Tief und Azoren-Hoch 
Stellt sich – so wie heuer – am Atlantik eine Wetterlage mit einem kräftigen Tief bei Island und einem kräftigen Hoch über den Azoren ein, dann entsteht eine starke Westströmung, mit der immer wieder Tiefdruckgebiete nach Europa ziehen und es ist über längere Zeit sehr windig oder stürmisch.
In der Meteorologie spricht man in diesem Fall von einer positiven Phase der Nordatlantischen Oszillation (NAO). Eine negative Phase der NAO bringt hingegen Mittel- und Nordeuropa windschwaches und größtenteils trockenes Wetter (und Südeuropa eher feuchtes Wetter).
Die NAO beschreibt die Schwankungen der Luftdruckunterschiede zwischen den nördlichen Regionen des Nordatlantiks (z.B. Islandtief) und den südlichen Regionen (z.B. Azorenhoch). Die NAO ist bekannt für ihre starken Schwankungen über Jahre und Jahrzehnte hinweg. 
Spielt der menschengemachte Klimawandel eine Rolle? 
Die Sturmtiefs über dem Nordatlantik, die für Europa bezüglich großflächiger Stürme relevant sind, zeigen in den Beobachtungsdaten der letzten Jahrzehnte starke Schwankungen und keine eindeutigen Trends in der Häufigkeit und Intensität.
Klimamodelle zeigen aber, dass winterliche Sturmtiefs in der Zukunft intensiver werden könnten, ins Besondere in der Nordhälfte Europas. Durch den steigenden Meeresspiegel werden langfristig in Küstenregionen die mit den Sturmtiefs verbundenen Sturmfluten gefährlicher. 
Viele Parameter beeinflussen Sturmtätigkeit 
„Generell ist die Belastbarkeit all dieser Aussagen beim Wind aufgrund der schlechten Datenlage und der physikalischen Komplexität aber noch gering, im Gegensatz zu allen direkt temperaturabhängigen Größen wie zum Beispiel Hitze und Trockenheit“, sagt der Leiter der ZAMG-Klimaforschung Marc Olefs „beim Thema Sturm spielt außerdem neben der Intensität und der Anzahl von Tiefdruckgebieten auch deren genaue Zugbahn eine wichtige Rolle, die großteils von den Höhenwinden bestimmt wird. Beides kann sich langfristig aufgrund verschiedener physikalisch und chemischer Mechanismen in der Atmosphäre ändern.“
Ob und wie stark die aktuelle Serie an Stürmen in Europa mit durch den Menschen verursachten Emissionen in Zusammenhang stehen, können derzeit nur sogenannte Attributionsstudien im Nachhinein klären. Dabei wird unter anderem die Wahrscheinlichkeit für ein derartiges Ereignis in einem früheren Klima – ohne menschenverursachte Treibhausgase – berechnet. 
Sturmlage in Österreich beruhigt sich 
In den nächsten Tagen sind in Österreich keine schweren Stürme zu erwarten. Am Atlantik bilden sich zwar weitere Sturmtiefs, sie betreffen nach aktuellem Stand der Prognose aber eher Teile von Großbritannien und Skandinavien. 

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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