Land Oberösterreich lässt erschöpfte Heim-Pflegekräfte hängen: AK fordert umgehend 20 Prozent mehr Personal

Die Arbeit in den oberösterreichischen Alten- und Pflegeheimen wird immer fordernder. Beschäftigte sind mehr und mehr am Limit, nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Immer mehr Betten werden gesperrt, weil zu wenig Beschäftigte da sind, um eine würdevolle Pflege leisten zu können. Obwohl die AK Oberösterreich bereits vor sechs Jahren eine umfassende Studie zur Personalberechnung in den Heimen präsentiert und mehr Personal gefordert hat, bleibt die Landespolitik in Oberösterreich säumig und setzt die Handlungsempfehlungen nicht um. AK-Präsident Andreas Stangl fordert ein sofortiges Aufstocken beim Personal um 20 Prozent sowie eine Ausbildungsstrategie im Pflegebereich.

12.550 Heimplätze stehen in den oberösterreichischen Alten- und Pflegeheimen insgesamt zur Verfügung. Schilderungen von Beschäftigten in den Heimen zufolge sind derzeit aufgrund des Personalmangels aber 600 bis 1.000 Betten gesperrt. Die oberösterreichischen Alten- und Pflegeheime sind ein großer Arbeitgeber. 7.899 Menschen (5.874 Personaleinheiten) arbeiten direkt in der Pflege und Betreuung und schaffen Lebensqualität für die Heimbewohner/-innen. Immer mehr Aufgaben, neue Ansprüche und gestiegene Erwartungen von Bewohnern/-innen und Angehörigen, die Zunahme von Demenz und immer weniger Zeit für Emotions- und Biographiearbeit machen den Arbeitsalltag fordernd. Seit langer Zeit läuten die Alarmglocken, was die Arbeitssituation in den Heimen betrifft. Covid-19 verschärft die Situation seit zwei Jahren zusätzlich.

Sechs von zehn Pflegekräften fühlen sich psychisch stark belastet

Für 41,9 Prozent der Pflegekräfte war die Arbeit im Jahr 2016 psychisch belastend und aufreibend, im Jahr 2021 bereits für 57,3 Prozent. Damit liegt die Belastung deutlich höher als im Durchschnitt über alle Berufssparten (26,3 Prozent). Der Zeitdruck nimmt laufend zu: Während im Jahr 2016 24,8 Prozent des Pflegepersonals eine sehr starke oder starke Belastung durch Zeitdruck geschildert haben, waren es 2021 bereits 44,1 Prozent. Zum Vergleich: Über alle Branchen hinweg liegt der Wert bei durchschnittlich 32,1 Prozent.

Dazu kommt, dass vielfach zu wenig Zeit für Erholung bleibt, was die Situation verschärft. So schildern etwa Betriebsräte, dass angesammelte Freizeit – wie Urlaub, Zeitausgleich, Zeitbonus oder Nachtdienstausgleich – nur zu einem geringen Teil genommen werden kann. Grund dafür ist, dass in der Personalberechnung die Fehlzeiten der Pflegebeschäftigten viel zu wenig berücksichtigt sind. 4 von 10 Befragten (42,4 Prozent) denken laut einer aktuellen Umfrage der „Offensive Gesundheit“ (Zusammenschluss von Arbeiterkammer, Gewerkschaften und Ärztekammer) mindestens einmal pro Monat an einen Berufsausstieg.

Fast 25 Jahre alter Personalschlüssel wird aktuellen Anforderungen nicht gerecht

Ein Hauptgrund für die zunehmende Verdichtung der Arbeit und Belastung der Beschäftigten ist eine gesetzliche Vorgabe zur Personalausstattung in den oberösterreichischen Heimen, der Mindestpflegepersonalschlüssel. Dieser mittlerweile fast 25 Jahre alte Personalschlüssel ist den heutigen Anforderungen von Pflege und Betreuung aber schon lange nicht mehr gewachsen. Seit seiner Entwicklung in den 1990er-Jahren hat das Land Oberösterreich diesen Schlüssel quantitativ nicht angepasst.

„Noch immer redet die oberösterreichische Landesregierung die Anliegen der Beschäftigten und Interessenvertretungen klein. Echte Reformen, die mehr Zeit für die Pflege schaffen, fehlen nach wie vor“, sagt AK-Präsident Andreas Stangl. Er fordert das Land auf, umgehend den Mindestpflegepersonalschlüssel so anzupassen, dass die Beschäftigten gesund das Regelpensionsalter erreichen. Gleichzeitig muss auch in Zukunft eine hohe Pflege- und Betreuungsqualität für die Heimbewohner/-innen in erhalten bleiben. Die AK fordert beim Personal ein Aufstocken um 20 Prozent und den flächendeckenden Einsatz von Unterstützungspersonal verbindlich in allen Heimen in Oberösterreich. Diese Unterstützungskräfte wurden im Pflegepaket durch die Gewerkschaften ausverhandelt, sind aber immer noch nicht überall im Einsatz.

Ausbildungsinitiative und leichterer Zugang zur Schwerarbeitspension

Um den heutigen und künftigen Personalbedarf in der Pflege zu decken, braucht es in Oberösterreich rasch eine echte Ausbildungsoffensive. Das Land Oberösterreich muss gemeinsam mit dem AMS konkrete Lösungen zur Verbesserung der Ausbildungssituation schaffen. Dazu zählen z.B. attraktive Angebote für Um- und Wiedereinsteiger/-innen. Wer eine Pflegeausbildung macht, muss sich das auch leisten können. Es braucht daher eine finanzielle Absicherung schon während der Ausbildung, eine Informationskampagne sowie ausreichende Ausbildungsplätze. Zudem fordert die AK einen leichteren Zugang zur Schwerarbeitspension für Pflegekräfte.

Die Unterlage zur heutigen Pressekonferenz sowie ein Foto zum Download finden Sie hier.

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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