JKU Studie zeigt: Offener Unterricht half Schüler*innen besser durch die Corona-Krise zu kommen

In einer österreichweiten Studie unter Schüler*innen der Sekundarstufe untersuchten die Bildungsforscher*innen Sonja Lenz und Christoph Helm der Johannes Kepler Universität Linz, wie Unterricht gestaltet werden sollte, um negative Effekte von Schulschließungen zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren. Die Studie zeigt, dass Schüler*innen, die bereits vor der Pandemie nach dem Konzept des kooperativen und offenen Lernens (kurz COOL) unterrichtet wurden, wesentlich besser durch die Krise kamen. COOL-Schüler*innen berichteten von einer deutlich höheren Qualität im Fernunterricht, deutlich höherem Lernzuwachs und höherer intrinsischer Lernmotivation sowie geringerer Belastung während der Schulschließungen.

Die COVID-19-Pandemie führte weltweit zu Schulschließungen. In Österreich waren Schulen der Sekundarstufe II besonders lange geschlossen, wie ein kürzlicher OECD-Vergleich zeigt. Die Schulschließungen der beiden vergangenen Schuljahre haben die Schüler*innen hart getroffen, auch in Österreich. Erste Meta-Studien der Abteilung für Bildungsforschung der Johannes Kepler Universität Linz haben für Deutschland, Österreich und die Schweiz die negativen Effekte der Schulschließungen auf die Quantität und Qualität des Lernens der Schüler*innen sowie ihre Lernstände und die Bildungsbenachteiligung umfassend dokumentiert. Unter anderem stieg der Anteil an Schüler*innen, die täglich weniger als zwei Stunden für die Schule und das Lernen investierten, insbesondere während der ersten Schulschließungen im Frühjahr 2020 stark an. Internationalen Studien zufolge hatten Schüler*innen allein durch die Schulschließungen im Frühjahr 2020 Lerneinbußen in der Höhe von zwei bis vier Schulmonaten zu verzeichnen. Auch die Bildungsungleichheit stieg. Schüler*innen aus sozial benachteiligten Familien hatten um ein bis zwei Schulmonate höhere Lerneinbußen zu verzeichnen als Schüler*innen aus sozial privilegierten Familien. Neben den fachlichen Lerneinbußen und dem Anstieg der sozialbedingten Bildungsbenachteiligung ist darüber hinaus gut dokumentiert, dass die Belastung der Eltern und Schüler*innen mit Fortdauer der Schulschließungen deutlich anstiegen.

Wie kann den negativen Effekten von Schulschließungen vorgebeugt werden?

Die zahlreichen negativen Auswirkungen der Schulschließungen führten schnell zur Frage, wie Unterricht aussehen müsste, damit künftige Schulschließungen die Schüler*innen weniger hart treffen. Das Forscher*innenteam rund um Sonja Lenz und Christoph Helm der Abteilung für Bildungsforschung an der JKU hat diese Frage im Rahmen einer großangelegten, österreichweiten Studie untersucht. Im Zeitraum vom 14. April 2021 bis 23. Juni 2021 nahmen 2.274 Schüler*innen (mehrheitlich aus berufsbildenden mittleren und höheren Schulen) an einer Onlinebefragung teil. Knapp die Hälfte der Schüler*innen (46% bzw. 1.056 Schüler*innen) wurden bereits vor der Corona-Pandemie nach dem Konzept des kooperativen, offenen Lernens (kurz: COOL) unterrichtet.

COOL – Cooperatives und offenes Lernen

COOL wurde 1996 von Lehrkräften der Handelsschule Steyr eingeführt und fand rasch weite Verbreitung im österreichischen Schulsystem. COOL bedeutet Cooperatives, Offenes Lernen und beschreibt eine Unterrichtsphilosophie, die das selbstständige und soziale Lernen mit einem hohen Grad an Autonomie für die Schüler*innen ins Zentrum des Unterrichts rückt. Ähnlich wie im COVID-19-bedingten Fernunterricht sind Schüler*innen angehalten, in Eigenverantwortung Arbeitsaufträge bis zu einer bestimmten Deadline zu erarbeiten. Lehrkräfte schlüpfen dabei in die Rolle des Coaches und Mentors, die Rolle als Wissensvermittler*in wird reduziert.

Da COOL die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Schüler*innen stark fordert und fördert, ging das Forscher*innenteam von der Annahme aus, dass COOL-Schüler*innen auch mit dem selbstständigen Lernen im COVID-19-bedingten Fernunterricht besser zurechtkamen. Die vorgelegte Studie ist die erste, die diese Annahme bestätigt.

Wie COOL-Unterricht negativen Auswirkungen der Schulschließungen vorbeugt

Die Studie von Lenz und Helm zeigt, dass Schüler*innen aus COOL-Klassen von einem signifikant höheren Lernzuwachs während der Schulschließungen berichten. Neben dem fachlichen Lernen berichten Schüler*innen aus COOL-Klassen auch über eine signifikant geringere Belastung während der Schulschließungen. Weiterführende Analysen zeigen zudem, dass das COOL-Konzept nicht nur direkt auf die Schüler*innenoutcomes (Lernerfolge und Wohlbefinden/Motivation) wirkt, sondern auch indirekt über Aspekte der Unterrichtsqualität.

So ist der Anteil an Schüler*innen, die von hoher Qualität im Fernunterricht berichten, im COOL-Unterricht um 10% bis 20% höher als im traditionellen Unterricht. Konkret berichten COOL-Schüler*innen von:

  • deutlich mehr Feedback von Lehrkräften im Fernunterricht,
  • deutlich mehr Klarheit und Struktur im Fernunterricht,
  • deutlich mehr Kompetenz und Motivation der Lehrkräfte im Fernunterricht,
  • deutlich mehr Autonomie und Wahlmöglichkeiten im Fernunterricht,
  • deutlich mehr kooperativem und sozialem Lernen im Fernunterricht,
  • einer deutlich stärker ausgeprägten Kultur des selbstgesteuerten Lernens.

Insbesondere das von den Schüler*innen wahrgenommene höhere Feedback, die höhere Klarheit und Struktur sowie die höher eingeschätzten Lehrer*innenkompetenzen im Fernunterricht gehen mit höherem selbsteingeschätzten Lernerfolg während der Schulschließungen, höherer intrinsischer Lernmotivation im Fernunterricht und geringerer erlebter Belastung im Lockdown einher. Damit wirkt COOL direkt und indirekt auf zentrale Schüler*innenoutcomes. Die direkten und indirekten Effekte, die von COOL auf den Lernerfolg, die Motivation und Belastung ausgehen, sind statistisch hoch signifikant und von praktischer Bedeutsamkeit.

Mit diesen Befunden liefert die Studie der JKU-Bildungsforscher*innen erstmals einen Beleg dafür, dass der COOL-Unterricht ein deutlich höheres Potenzial hat als es der traditionelle, stark lehrerzentrierte Unterricht besitzt, negativen Effekten der Schulschließungen vorzubeugen. Mit dem COOL-Konzept gelingt es offenbar eher, Rahmenbedingungen für Unterricht und Lernen zu schaffen, die den vielfach beobachteten negativen Effekten der pandemiebedingten Schulschließungen entgegenwirken bzw. vorbeugen.

Christoph Helm resümiert daher: „Offener Unterricht ist zwar kein Allheilmittel für die zahlreichen Herausforderungen, die mit Schulschließungen einhergehen, allerdings stellen Unterrichtskonzepte, die die Selbstlernfähigkeiten der Lernenden fördern, ein zentrales Mosaiksteinchen im Kampf gegen die negativen Effekte der pandemiebedingten Schulschließung dar. Ihnen sollte in Vorbereitung auf künftige Schulschließungen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.“

Fotocredit: JKU

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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