Arbeitnehmer sehen massive Defizite bei Pflege und Gesundheit – AK fordert nachhaltige Investitionen

Fünf von zehn oberösterreichischen Arbeitnehmern/-innen wünschen sich mehr öffentliche Investitionen in Pflege und Gesundheit, um die Zukunft zu sichern und neun von zehn sind diese Themen wichtig. Das zeigt eine repräsentative IFES-Befragung im Auftrag der Arbeiterkammer Oberösterreich. Die Ergebnisse bestätigen erneut: es fehlt nach wie vor an Pflege- und Betreuungsangeboten in Oberösterreich und die Kosten sind teils zu hoch. „Es gibt dringenden Handlungsbedarf: Die pflegenden, oft berufstätigten Angehörigen müssen nachhaltig entlastet werden und die Betroffenen brauchen eine echte Wahlfreiheit zwischen mobiler und stationärer Versorgung“, sagt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer und fordert eine Investitionsoffensive des Landes.

Der dringende Wunsch der Arbeitnehmer/-innen nach mehr professioneller Unterstützung bei der Pflege und Betreuung älterer Angehöriger verwundert nicht. Diese Aufgabe wird in Österreich immer noch zum Großteil von den Familien gestemmt; zu 72 Prozent von Frauen, die in der Folge immer wieder gezwungen sind, ihre Berufstätigkeit aufzugeben oder zumindest einzuschränken. Für eine Aufnahme in ein Alten- und Pflegeheim braucht es mittlerweile die Pflegestufe vier. Die Mindeststundenzahl für Hilfe- und Betreuungsbedarf, um diese Stufe zu erreichen, beträgt 160! Wer in Oberösterreich stundenweise mobile Dienste in Anspruch nehmen will, muss sich die Selbstbehalte leisten können. Die Kostenbeiträge sind nach Einkommen gestaffelt und reichen von 4 bis 48 Euro pro Stunde. Das Angebot ist derzeit stark limitiert. Im Durchschnitt steht für die Pflegegeldbezieher/-innen nicht mehr als eine Stunde an mobiler Dienstleistung pro Woche zur Verfügung.

Schätzungsweise 947.000 Personen in Österreich sind – oft neben Berufstätigkeit und Kinderbetreuung – pflegende Angehörige. Bereits bei einer Befragung 2018 gab knapp die Hälfte der Befragten an, „so gut wie rund um die Uhr“ für die Gepflegten da zu sein, teils bis zur persönlichen Erschöpfung (Quelle: Sozialministerium). Die aktuelle IFES-Umfrage bestätigt erneut, dass es einen Kraftakt braucht, um die Beschäftigten, Angehörigen und Menschen mit Pflegebedarf in Oberösterreich endlich spürbar zu entlasten. Zudem sind einige hundert Betten in Alten- und Pflegeheimen aufgrund fehlenden Personals nicht verfügbar, dürfen also nicht belegt werden. Einer vorsichtigen Hochrechnung des Landes zufolge braucht die Langzeitpflege in Oberösterreich 1.600 zusätzliche Vollzeitarbeitskräfte bis zum Jahr 2025, um den steigenden Bedarf und eine bevorstehende Pensionierungswelle abzudecken. Neue Anforderungen, z.B. durch das Ansteigen von Demenzerkrankungen und neue Pflegemethoden, sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Die Absicherung für Menschen in der Pflegeausbildung durch das Fachkräftestipendium – ein wichtiger AK Erfolg – für einige Pflege- und Sozialberufe ist ein erster Schritt. Viele weitere müssen folgen.

Klar ist: Pflege braucht in Zukunft mehr Geld! Hier ist auch die Landesregierung massiv gefordert. So braucht es eine aktualisierte Bedarfs- und Entwicklungsplanung für die Altenarbeit in Oberösterreich und darauf aufbauend einen weiteren Ausbau von Mobilen Diensten, Tagesbetreuung, Kurzzeitpflege und Betten in den Heimen und vor allem Investitionen in Pflegepersonal und deren Ausbildung. Alleine der Bau eines einzelnen Heimplatzes ist mit ca. 110.000 Euro zu veranschlagen, ohne den laufenden Betrieb und Personalkosten. Für 600 neue Heimplätze sind alleine für die Infrastruktur 66 Millionen aufzuwenden. Eine Personalaufstockung in den Heimen um 20 Prozent kostet jährlich knapp 59 Millionen Euro.

Investitionen in Pflege und Gesundheit dürfen aber nicht als reiner Kostenfaktor betrachtet werden. Sie sind auch regionale Jobmotoren, die gerade in der derzeitigen Arbeitsmarktsituation neue und vor allem krisensichere Jobs garantieren können. Laut einer aktuellen Berechnung des „Instituts für Höhere Studien“ (IHS) stehen jedem Euro Investition in die Pflege 1,7 Euro an Wertschöpfung gegenüber. Die Gemeinden können diese Investitionen aber nicht stemmen. Sie sind bei der Pflegefinanzierung bereits an der Belastungsgrenze.

Auch im Rahmen der schleppend laufenden Pflegereform auf Bundesebene braucht es daher rasche Lösungsansätze, wie die Pflege nachhaltig solidarisch finanziert werden und die Gemeinden spürbar entlastet werden können. Dies kann etwa durch eine namhafte Aufstockung des Bundes-Pflegefonds aus Steuermitteln gelingen, die durch eine Vermögenssteuer ab einer Million Euro eingenommen werden.

„Nach zahlreichen Imagekampagnen und schönen Worten erwarten wir uns, dass spürbare Verbesserungen schnellstmöglich da ankommen, wo sie hingehören: bei den Menschen mit Pflegebedarf, den Beschäftigten und den pflegenden Angehörigen“, fordert Kalliauer endlich konkrete Lösungen.

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Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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