Wirtschaft um des Menschen willen – JKU gründet Kurt Rothschild School of Economics and Statistics

Globalisierung, Klimawandel, Digitalisierung unser Wirtschaftssystem muss sich mit rasanten und grundlegenden Veränderungen auseinandersetzen.

Wie können neue Technologien bei der wissenschaftlichen Untersuchung volkswirtschaftlicher Zusammenhänge genutzt werden? Und vor allem: Wie kann sichergestellt werden, dass der bevorstehende soziale und ökonomische Wandel den Menschen zugutekommt? Diesen Fragen widmet sich die Johannes Kepler Universität Linz – mit ihrer neuen Kurt Rothschild School of Economics and Statistics.

Er war eine prägende Gestalt – für die JKU ebenso wie für die Ökonomie der Nachkriegszeit: Kurt W. Rothschild. In der Tradition des zukunftsweisenden Schaffens des ehemaligen JKU Rektors (1971-1972) betreibt die nach ihm benannte Kurt Rothschild School of Economics and Statistics Forschung von internationaler Exzellenz in den Bereichen Epidemiologie & Public Health, Zukunft der Arbeit und Data Science und führt so Empirische Wirtschaftsforschung mit statistischen Methoden, Big Data und Digitalisierung zusammen. In all diesen Bereichen kann die School auf große internationale Erfahrung und starke Netzwerke zurückgreifen. Entscheidend für die Namenswahl war aber nicht allein die fachliche Expertise und die visionäre Zukunftsgewandtheit von Kurt Rothschild – sondern sein zutiefst humaner Zugang zum Wesen und Sinn der Wirtschaft. Daher fühlt sich die neue School dem mahnenden Wort Rothschilds verpflichtet, dass der „Nationalökonomie stets bewusst sein soll, dass die Theorie nie Selbstzweck werden darf. Sie sollte stets der gründlichen Durchleuchtung unserer Umwelt dienen, damit diese besser und menschenwürdiger gestaltet werden kann.“

Österreichweit einzigartig ist das Data Lab Linz (DL2). Nationale und internationale Institutionen unterstützen die Forschung im DL2, das Zugang zu anonymisierten Registerdaten schafft. Dies liefert die Datenmenge, aus der mit Hilfe von Deep Learning neue Kenntnisse erhoben werden, ohne das Recht auf den Schutz der persönlichen Daten zu gefährden.

„Das Data Lab Linz ist das Kernstück der Kurt Rothschild School. Hier können Ökonom*innen Fragestellungen mithilfe modernster Methoden der Datenanalyse überprüfen. Es ist eine zukunftsweisende Schnittstelle zwischen Statistik und Volkswirtschaft, die hier auf optimale Weise zur Bearbeitung gesellschaftlicher Fragestellungen genutzt wird“, meint Prof. Winter-Ebmer, einer der beiden Leiter der Kurt Rothschild School.

Synergie durch Interdisziplinarität
Und warum Statistik?Statistik beschäftigt sich mit der Entwicklung von Werkzeugen zur Modellierung und Analyse von Daten. „Dabei orientieren wir uns an praktisch relevanten Themen. Im Rahmen der Kurt Rothschild School hoffen wir auf neue Kooperationen, die sich aus spannenden ökonomischen Fragestellungen ergeben und zu denen wir methodisch beitragen können“, sagt der Co-Leiter der School Prof. Andreas Futschik.

Wichtig ist beiden die enge Verzahnung theoretischer Methoden mit praktischen, gesellschaftlich relevanten Fragestellungen. „Forschung spielt sich nicht in einem abstrakten, luftleeren Raum ab“, betont auch JKU Rektor Meinhard Lukas. „Im Gegenteil. Wissenschaft betrifft uns alle und ist eine große gesellschaftliche Verantwortung. Diese Verantwortung leben wir an der JKU in allen Bereichen. Sei es die Mensa, die regionale Nahrungsmittel und nur Biofleisch anbietet, sei es unser Zugang zu technischer Innovation, bei der wir nicht nur die Technologie erforschen, sondern auch die sozialen Auswirkungen dieser Technologien. Auch mit der Kurt Rothschild School folgen wir diesem Ansatz. Ich bin überzeugt, dass dieser Zugang genau dem Geist von Kurt Rothschild entspricht – Forschung ist niemals Selbstzweck, sondern muss Mensch, Gesellschaft und Natur dienen.“ Dies spiegelt sich in aktuellen Projekten wider.

Beispiele für aktuelle Projekte

  • Epidemiologie & Public Health: Können geringe finanzielle Anreize junge Menschen zu Vorsorgeuntersuchungen motivieren? Ergebnis: Bereits ein 40-Euro-Einkaufsgutschein sorgt für einen Anstieg von 2,4 auf 9,1% an Jugendlichen, die einen Vorsorgetermin wahrnehmen. Der Haken: Der Anstieg ist vor allem bei Jugendlichen aus wohlhabenden und gebildeten Familien wahrnehmbar – die Maßnahme ist also vergleichsweise weniger effektiv, wenn es darum geht, jene Gruppen zu gewinnen, die am meisten profitieren würden.
  • Zukunft der Arbeit: Arbeitslose, die in ihrem Beruf vorwiegend Routinearbeiten ausgeführt haben (z.B. Fließbandarbeiter*innen) sind 18% länger ohne Beschäftigung. Untersuchungen der JKU Kurt Rothschild School zeigen, dass die Arbeitsmarktpolitik durch frühere und effektive Schulungen die Auswirkungen dämpfen könnte – vor allem bei jungen und besser gebildeten Betroffenen. Also wiederum ein Aspekt der Polarisierung: Weiterbildung und Umschulungen sind für viele Betroffene eine positive Maßnahme, sie können aber nicht allen Personen helfen.
  • Data Science: Hier wurde die Auswirkung der Dauer der Karenzzeit auf die Einkommenssituation von berufstätigen Müttern nach Wiedereinstieg in den Beruf analysiert. Aus den Daten konnte die Gehaltsentwicklung von Müttern nach dem Karenzurlaub ermittelt werden. Erste Analysen von Einkommensdaten von mehr als 31.000 österreichischen Müttern belegen auch tatsächlich einen negativen Effekt längerer Karenz auf das Gehalt nach Wiedereinstieg. Über Big-Data-Analysen mittels „Treatment Effects Modellen“ konnte simuliert werden, wie sich die Gehälter der Mütter bei einer anderen Karenzdauer als der tatsächlich gewählten entwickelt hätten. Derartige Modelle werden auch in der Medizin eingesetzt, um zu analysieren, welche Patient*innen von einer bestimmten Therapie profitieren würden.

Fotocredit: JKU

Rudolf Winter Ebmer
Andreas Futschik

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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