Ethik für die Landwirtschaft –Selbstverständnis und gesellschaftliche Erwartungen

„Die Haltung von Tieren zur Milch-, Ei- und Fleischproduktion, die
Nutzung von Pflanzenschutzmitteln, die auch immer einen
Einfluss auf die restliche Natur haben, der Beitrag der
Landwirtschaft zum Klimawandel – bei all diesen Themen handelt
es sich aus ethischer Sicht um sehr komplexe Materien. Die
Wahrnehmung dieser Themen unterscheidet sich zwischen
aktiven BäuerInnen und der restlichen Bevölkerung oft eklatant.
Die Reflexion der eigenen Einstellung zu diesen Themen würde
auch die Diskussion zwischen diesen Gruppen entscheidend
verbessern.“


Kommunikation mit der Bevölkerung zentral für die
Zukunft der Landwirtschaft


Der letztes Jahr abgeschlossene Strategieprozess „Zukunft
Landwirtschaft 2030“ bestand aus sechs großen
Publikumsveranstaltungen und weiteren Diskussionsformaten. Quer
über alle Branchen und die mehr als 1.500 Teilnehmer/innen war ein
Grundanliegen zu spüren: Die Kommunikation zwischen den
Bäuer/innen und der Bevölkerung gehört verbessert. Zu oft wird
aneinander vorbeigeredet oder nicht kommuniziert, was die beiden
Gruppen bewegt. Bäuerinnen und Bauern fühlen sich missverstanden,
die Bevölkerung erwartet viel von der Landwirtschaft und ist von der
Realität oft enttäuscht. Im Rahmen des Strategieprozesses hat auch
Dr. Christian Dürnberger vom Messerli Forschungsinstitut (Universität
für Veterinärmedizin Wien) über sein Forschungsfeld „Ethik in der
Landwirtschaft“ referiert. „Vielen Konfliktthemen zwischen
Landwirtschaft und Gesellschaft, ob Tierhaltung oder Pflanzenschutz,
liegen ethische Fragestellungen zugrunde. Dürfen wir überhaupt und
unter welchen Umständen Tiere nutzen, wie gehen wir mit der Natur
als Ganzes um und welche Verantwortung ist mit dem täglichen
Einkauf verbunden? Darüber müssen wir wieder verstärkt ins
Gespräch kommen und dazu ist das Buch von Dr. Dürnberger »Ethik
für die Landwirtschaft« eine gute Hilfestellung“, so Agrar-Landesrat
Max Hiegelsberger: „Beim Vortrag von Dr. Dürnberger im Rahmen des
Strategieprozesses haben sich sehr spannende Diskussionen
ergeben und auch die Bäuerinnen und Bauern selbst haben ihre
Standpunkte hinterfragt. Genau diese Offenheit möchten wir forcieren
und darauf aufbauend eine gute Kommunikation mit der Bevölkerung
ermöglichen. Es ist unser klares Ziel für eine erfolgreiche Zukunft
Landwirtschaft 2030, mehr Bäuerinnen und Bauern zu
Kommunikatorinnen und Kommunikatoren ihres Berufsstandes zu
machen.“

Unterschiedliche Wahrnehmung der heimischen Landwirtschaft

Die österreichische Landwirtschaft ist in vielen Bereichen näher an der
gesellschaftlichen Wunschvorstellung als in den anderen
Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Für die Haltung von
Hühnern und Puten ist ein größeres Platzangebot vorgeschrieben, die
Haltung von Rindern erfolgt fast ausschließlich auf eigener Futterbasis
und der Bio-Anteil ist europaweit am höchsten. Der hohe Standard in
der Nutztierhaltung wird auch von der Organisation „World Animal
Protection“ anerkannt, ein sehr hoher Prozentsatz der Betriebe ist Teil
des Tiergesundheitsdienstes. Mit knapp 20 Hektar landwirtschaftlicher
Nutzfläche ist besonders die oberösterreichische Landwirtschaft
kleinstrukturiert und weit weg von den oft verbreiteten Zerrbildern einer
im industriellen Maßstab arbeitenden Landwirtschaft. Seit 1990
wurden die Treibhausgas-Emissionen um 13,7 Prozent verringert.
„Die Bäuerinnen und Bauern nehmen die schärfere Regulierung des
Agrarsektors in Österreich sehr bewusst wahr. Es herrscht das Gefühl
vor, sich bereits nach der Decke zu strecken, um die regulatorischen
und gesellschaftlichen Anforderungen zu erfüllen. Geringe
Produktpreise, die ein Wachstum der Betriebe unumgänglich machen
und vor allem die Konkurrenz mit importierten, billigeren Lebensmitteln
im Regalfach werden als größte Herausforderungen wahrgenommen.
Umso größer das Unverständnis gegenüber Teilen der Gesellschaft
und der medialen Diskussion, die noch weitaus höhere Anforderungen
an die landwirtschaftliche Bewirtschaftung stellen. Diesen Graben in
der gegenseitigen Wahrnehmung gilt es zu überbrücken. Die
Bevölkerung muss erfahren, in welchem Spannungsfeld sich
Landwirtschaft bewegt. Umwelt, Klima, Preise, Einkommen,
überzogene Forderungen und Ernährungssouveränität gepaart mit
Freude und Leidenschaft in der täglichen Arbeit“, so Agrar-Landesrat
Max Hiegelsberger: „Das Interesse der Gesellschaft an der
Landwirtschaft und dem Thema Ernährung ist groß und nimmt weiter
zu. Das ist eine große Chance, die notwendige Partnerschaft
zwischen Produzenten und Konsumenten von Lebensmitteln zu
stärken. Die Landwirtschaft muss selbstkritisch das eigene Tun
hinterfragen und darf auf dieser Basis dann auch sehr wohl
selbstbewusst in den Dialog mit der Gesellschaft treten. Dazu gehört
auch die klare Kommunikation, welche Art der Produktion mit der
aktuellen Zahlungsbereitschaft möglich ist.“

Über Landwirtschaft reden – aber wie?

Die Landwirtschaft sieht sich gegenwärtig vor große
Herausforderungen gestellt: Bestimmte Praktiken sind umstritten, das
gesellschaftliche Wissen ist gering – die Erwartungen sind es jedoch
nicht. In diesem Spannungsfeld sollen Landwirtinnen und Landwirte
nicht nur ihrer besonderen Verantwortung gerecht werden, mehr als
das: Sie sollen in den Debatten Rede und Antwort stehen und über
ihren Beruf kommunizieren.
Zum modernen landwirtschaftlichen Berufsbild gehört demnach
ethische Reflexionsfähigkeit. Ethik für die Landwirtschaft also. Was
aber ist Ethik? Wie lassen sich die neuen gesellschaftlichen
Erwartungen beschreiben? Was bedeutet Verantwortung mit Blick auf
Nahrung, Umwelt, Klima und Tiere? Und was kann der einzelne
Landwirt, die einzelne Landwirtin tun?
Genau zu diesen Fragen hat der Philosoph Christian Dürnberger
(Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik, Vetmeduni Vienna) ein
Buch mit dem Titel „Ethik für die Landwirtschaft“ geschrieben. Das
Buch ist keine fachphilosophische Arbeit, sondern wendet sich explizit
an die Landwirtinnen und Landwirten selbst. Bei alldem ist das Buch,
wenn es um eine Bewertung geht, zurückhaltend: Es will also nicht
beantworten, was moralisch richtig bzw. falsch ist, sondern vielmehr
Debatten und Positionen beschreiben und auf diesem Wege zum
selbstständigen Nachdenken anregen. Mit Blick auf die
Kommunikation zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft stellt
Dürnberger zehn Thesen auf.

Rainer Hilbrand

About the author

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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