Tausende Jugendliche fallen aus dem Bildungssystem: AK fordert Gegensteuern

In Österreich werden formale Bildung und somit Lebenschancen in hohem Maße vererbt. Durch die Schulschließungen während der Corona-Pandemie geraten bisher schon benachteiligte junge Menschen noch weiter ins Hintertreffen. „Wenn nicht jetzt massiv bildungspolitisch gegengesteuert wird, ist im weiteren Verlauf der Corona-Krise mit einem neuerlichen Anstieg der Zahl von Jugendlichen zu rechnen, die ohne Abschluss ihre Ausbildung abbrechen“, sagt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer. Schon jetzt brechen in Oberösterreich 14 Prozent der 20- bis 24-Jährigen vorzeitig ihre Ausbildung ohne weiterführenden Schul- oder Lehrabschluss ab. In Oberösterreich sind es jährlich mehr als 3.150. Das belegt der soeben erschienene Bildungsmonitor der AK Oberösterreich.

In einzelnen Ausbildungsarten ist der Anteil von Abbrüchen besonders hoch, wie etwa in manchen Fachschulen oder Lehrberufen. Bei den Köchen/-innen, Malern/-innen oder Friseuren/-innen kommen jeweils rund 40 Prozent der Lehrlinge nicht zu einem erfolgreichen Abschluss. Der Großteil von ihnen hat in der Folge ein erhöhtes Arbeitsmarktrisiko – mit großer Wahrscheinlichkeit, von Krisen und Konjunktureinbrüchen besonders hart getroffen zu werden. Nur ein geringer Teil kehrt wieder ins formale Bildungssystem zurück, um einen Abschluss nachzuholen.

Nach wie vor spielt die soziale Herkunft eine große Rolle bei der Bildungswahl und schlägt nicht selten auch auf das Bildungsergebnis durch. Kinder von Eltern mit höherer Bildung bzw. mit höherem Sozialstatus erreichen mit höherer Wahrscheinlichkeit bessere Resultate und Bildungsabschlüsse. Umgekehrt haben sozial benachteiligte Kinder eine viel höheres Risiko eines frühen Bildungsausstiegs bzw. Ausbildungsabbruchs.

Durch die Schulschließungen und den damit erforderlichen Fernunterricht im Zuge der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 geraten bisher schon benachteiligte Schülergruppen noch mehr ins Hintertreffen. AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer fordert daher – neben Sofortmaßnahmen wie einer umgehenden technologischen Soforthilfe und gezielter schulischer Förderprogramme – eine bildungspolitische Abkehr von der frühen schulischen Auslese hin zu einer Kultur des individualisierten Förderns.

Um Bildungsabbrüchen frühestmöglich vorzubeugen, fordert Kalliauer ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr und den Ausbau qualitätsvoller Ganztagesschulen. Für Schulen mit der besonderen Herausforderung eines hohen Anteils an Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien braucht es zusätzliche finanzielle Mittel. Die AK hat für die Identifizierung dieser Schulen den „Chancenindex“ entwickelt. Basis für die Berechnung ist der Bildungshintergrund der Eltern und die Alltagssprache der Kinder.

Um jungen Menschen am Übergang zwischen Schule und Beruf verstärkt unter die Arme zu greifen, müssen die „Ausbildung bis 18″ sowie Rückkehrschleifen ins Bildungssystem für Abbrecher/-innen ausgebaut werden. In der Lehrlingsausbildung fordert der AK-Präsident eine Qualitätsoffensive: „Es kann nicht sein, dass die Wirtschaft einerseits über einen Lehrlings- und Fachkräftemangel klagt und andererseits ein Fünftel der Lehrlinge nicht zu einem Lehrabschluss kommt“, sagt Kalliauer.

Rainer Hilbrand

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Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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