Klimawandel, Rinder und Corona – ein Faktencheck

Die wissenschaftliche Debatte über den Klimawandel und die dafür verantwortlichen Einflussfaktoren ist schon seit Jahren im Gange. Ob Industrie, Verkehr, Energiewirtschaft oder Landwirtschaft, sie alle produzieren klimaschädliche Gase, sogenannte Treibhausgase. Das Umweltbundesamt stellte in seiner jährlichen Nahzeitprognose fest, dass die Emissionen 2019 gegenüber dem Jahr 2018 um rund 1,8 Prozent gestiegen sind. Die Landwirtschaft erzielte dabei als einziger Sektor eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 1,3 Prozent.

Kühe sind keine Klimakiller

Auch wenn die Kuh manches Mal als plakatives Beispiel herhalten muss – Kühe sind keine Klimakiller. Das dies in den Medien fälschlicherweise immer wieder behauptet wird liegt an einer nicht korrekten Aussendung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) aus dem Jahr 2006. Eine FAO Studie kam zu dem irrtümlichen Schluss, dass die Viehwirtschaft weltweit für 18 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sei. Dies wurde zwar später von der FAO wieder revidiert und für den Bereich der Kühe mit vier Prozent ausgewiesen, die Falschmeldung war aber schon in den Medien. 

Die Kuh dient dem Klimaschutz

Es ist ein natürlicher Vorgang, dass während des Verdauungsprozesses des Rindes Methan (CH4) gebildet wird. Zum Unterschied von anderen „Methan-Produzenten“ erzeugen Kühe dabei aber wichtige Lebensmittel für die menschliche Ernährung. Dies erfolgt ohne großen Energieeinsatz von Maschinen. Denn das Gras wächst quasi von alleine. Wiederkäuer sind die einzigen Tiere, welche in der Lage sind das Gras auf der Wiese zu verdauen und in hochwertiges Eiweiß, in Milch und Fleisch, umzuwandeln. Laut einer Studie der FAO von 2016 ist die Kuh für die globale Eiweißversorgung extrem wichtig.

„Wir brauchen die Rinder. Sie garantieren unsere Ernährungssicherheit. Nur durch sie kann das Grünland und unser von allen so geschätztes Landschaftsbild auch künftig erhalten werden“, erklärt Bauernbund-Landesobmann LR Max Hiegelsberger.

Rinder sind Teil eines Kreislaufsystems. Die Kuh frisst das Gras auf der Wiese, wobei die für die Versorgung der Pflanzen wichtigen Nährstoffe durch den ausgeschiedenen Dünger wieder rückgeführt werden. Die Pflanzen binden das COaus der Luft und die Nährstoffe aus dem Dünger.

Landwirtschaft senkt Emissionen – Internationaler Flugverkehr nicht erfasst

Der CO2-Fußabdruck bei Milchprodukten ist seit den 1990iger Jahren um rund 30 Prozent gesunken. Der weltweiten Milchproduktion wird etwa 3 Prozent aller Treibhausgase zugerechnet.

In Österreich senkte die Landwirtschaft ihre Emissionen deutlich. Hingegen stiegen jene des Verkehrs stark an und zwar um fast 60 Prozent im Zeitraum von 1990-2015.

Bei der Generalversammlung der ICAO (International Civil Aviation Organization) im Oktober 2013 wurde die Entwicklung einer globalen marktbasierten Maßnahme zur Eindämmung der klimaschädlichen Gase aus dem Flugverkehr beschlossen, welche wahrscheinlich ab 2021 wirksam werden wird. Die Europäische Union verabschiedete als Reaktion darauf zwei Verordnungen, sodass nur Flüge innerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes in den Emissionshandel miteinbezogen werden.

„Hier tut sich eine gewisse Art von Scheinheiligkeit auf. Einerseits spricht man über die schädlichen Emissionen aus der Landwirtschaft, andererseits werden von der EU nicht einmal die Emissionen aus dem internationalen Flugverkehr erhoben. Diese Vorgehensweise ist für mich absolut nicht nachvollziehbar“, so Hiegelsberger.

Lebensmittel-Herkunft bestimmt die Höhe der Emissionen

Die Bäuerinnen und Bauern produzieren für die Bevölkerung Lebensmittel. Egal, ob durch den Anbau von Feldfrüchten oder bei der Erzeugung von Milch und Fleisch, solange Lebensmittel erzeugt werden, wird es Emissionen geben.

„Das Achten auf die Herkunft regionaler Lebensmittel wird den Konsumentinnen und Konsumenten immer wichtiger und das ist auch gut so. Denn bedenkt man, dass ein Kilogramm brasilianisches Rindfleisch 80 kg CO2 und das österreichische nur 14 kg verursacht müsste jedem klar sein, zu welchem Produkt er greifen soll“, betont Hiegelsberger.

Weltklimarat (IPCC) – stellt Einfluss der Rinder in Frage

Die Zusammenhänge aus dem System zwischen Luft, Boden, Gras und Tier sind bis jetzt noch nicht ausreichend bekannt. Dies ist der aktuelle Stand des Weltklimarates (IPCC), einer Institution der Vereinten Nationen, in der Wissenschaftler weltweit den aktuellen Stand der Klimaforschung zusammentragen, bewerten und anhand anerkannter Veröffentlichungen den jeweils neuesten Kenntnisstand zum Klimawandel präsentieren.

Laut Prof. Peer Ederer (Leiter des Global Food and Agribusiness Network (GFAN)), ist es unbestritten, dass Rinder Methangas produzieren. Die Menge an Methan pro Nahrungsmitteleinheit variiert bei den Berechnungen jedoch stark. Außerdem werden in den Argumentationen stets globale Durchschnitte verwendet. Eine europäische Kuh produziert jedoch pro Liter Milch oder Kilogramm Fleisch viel weniger Methan als eine afrikanische.

Auch die Bedeutung der Bodenbakterien sei noch nicht zur Gänze untersucht. Denn durch Rinder auf der Weide wird eine Bodenschicht mit Bakterien geschaffen, die sich von Methan ernähren. Sie wandeln dieses in unschädliche Eiweißstoffe um. Es gibt Schätzungen, dass die Bakterien den gesamten Methanausstoß der Rinder kompensieren könnten, was in Veröffentlichungen komplett ignoriert wird, so Peer Ederer. Außerdem wird CO2 von kultiviertem Grasland gespeichert.

Rechenzentren als Energiefresser

Die tatsächlichen Klimasünder sind in anderen Bereichen, wie etwa dem Verkehr und der Industrie, zu finden. Auch die fortschreitende Digitalisierung der Welt darf nicht außer Acht gelassen werden. Der „Wissenschaftliche Beirat der Deutschen Bundesregierung“ warnt etwa davor, dass die Digitalisierung die Klimakatastrophe zusätzlich verstärken würde. „Das Internet ist eine „CO2-Schleuder“ geworden“, so der Wirtschaftswissenschafter Dr. Ralph Hintemann, der am Berliner Borderstep Institut zum Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit forscht. Es verbraucht beinahe so viel Energie wie der globale Luftverkehr und emittiert in etwa auch die gleiche Menge CO2. „Jede Nutzung einer App (z.B. Wetter, Navigation etc.) läuft über Rechenzentren“, erklärt Hintemann. Der Betrieb und die Kühlung von Rechenzentren verschlingen extrem viel Energie. In Deutschland sind mittlerweile vier mittelgroße Kraftwerke nötig, um die Rechenzentren am „Leben“ zu erhalten.

Einer Studie des chinesischen IT-Giganten Huawei zufolge, werden die Rechenzentren im Jahre 2030 acht Prozent der globalen Stromproduktion benötigen.

Corona-Krise führte zu stärkstem Emissionsrückgang seit dem 2. Weltkrieg

Während des Corona-Lockdowns lagen die globalen täglichen Emissionen des CO2´s um rund 17 Prozent unter denen des Vorjahres, das sagt eine Studie des Global Carbon Project der Universität Stanford. In absoluten Zahlen sind das 17 Millionen Tonnen.

Aufschlüsselung nach Sektoren:

  • 43 Prozent Straßen- und Schienenfahrzeuge
  • 43 Prozent Industrie und Kraftwerke
  • 10 Prozent Luftverkehr
  • 4 Prozent Sonstige

Die Wissenschafter analysierten insgesamt 69 Länder, die zusammen für 97 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sind.

Land- und Forstwirtschaft – Schlüssel zur Lösung

Die Land- und Forstwirtschaft ist der Sektor, der als Erstes und am schwersten von klimawandelbedingten Veränderungen betroffen ist. Die Landwirtschaft ist für die Ernährung der Bevölkerung unerlässlich, wobei ihr zehn Prozent der österreichischen Treibhausgase angelastet werden. Allerdings steht dem die 5-fache Menge an CO2 gegenüber, welches über die Photosynthese gebunden wird. Zusätzlich ist sie der einzige Wirtschaftssektor, dem es möglich ist CO2 durch den Humusaufbau im Boden zu speichern.

„Die Landwirtschaft ist dabei ihre Produktionsmethoden an die veränderten Gegebenheiten, wie etwa durch Sortenwahl, Bodenbearbeitung etc. anzupassen. Doch nicht nur sie ist von der Klimakrise betroffen, sondern die gesamte Gesellschaft. Wir können nur gemeinsam an einem Strang ziehen und bewusst dagegen steuern“, mahnt Hiegelsberger.

Zur Info – Methan

Methan (CH4) ist der Hauptbestandteil des Erdgases. Es ist geruch- und farblos und dürfte rund 25-mal so klimaschädlich sein wie CO2. Etwa 60 Prozent des jährlich ausgestoßenen Methans stammen von menschlichen Aktivitäten. Weltweit steigt der Methanausstoß. Lediglich in Europa ist er leicht gesunken. Methan wird in der Atmosphäre etwa zehnmal so rasch abgebaut wie CO2. Eine Verringerung würde demnach schnell Ergebnisse bringen. Denn Methan ist aktuell für rund ein Drittel der globalen Erwärmung verantwortlich.

Der Methangehalt in der Atmosphäre ist um etwa 2,5mal höher als in vorindustrieller Zeit und steigt weiter. Ursachen für den Anstieg: Verbrennung fossiler Treibstoffe, Auftauen des Permafrostbodens, undichte Pipelines, Bohrlöcher durch Fracking, Mülldeponien.

(c) OÖ Bauernbund

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Rainer Hilbrand

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Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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