Lehrstellen-Diskussion: Es fehlt nicht an Jugendlichen, die arbeiten können, sondern an Betrieben, die ausbilden wollen!

Die Wirtschaftskammer OÖ behauptet, die Betriebe würden unter einem Mangel an Lehrstellen-Suchenden leiden. „Damit hat sie eine falsche Problemwahrnehmung“, kritisiert AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer. „Angesichts der vielen arbeitssuchenden jungen Leute, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen, ist diese Aussage zynisch!“. Statt darüber zu jammern, dass sich heuer keine Schulabbrecher/-innen für Lehrstellen bewerben, sollten sich Bund, Land und Wirtschaftskammer lieber überlegen, wie sie arbeitslose Jugendliche in Beschäftigung bringen können.

Im Juni waren in Oberösterreich 656 junge Menschen als sofort verfügbare Lehrstellensuchende registriert – so viele, wie noch nie. Dazu kommen Jugendliche unter 19 Jahren mit maximal Pflichtschulausbildung, die entweder als arbeitslos registriert sind (616 Jugendliche) oder sich in einer AMS-Schulung (1641) befinden. Berücksichtigt man dieses ganze Lehrlingspotenzial, gab es in Oberösterreich rund 1750 Lehrstellen im Juni zu wenig. Vor allem jene Jugendlichen, die im überbetrieblichen Auffangnetz des AMS eine Lehrausbildung (ÜBA) begonnen haben (78 in der ÜBA 1 (Ausbildung in überbetrieblichen Lehrwerkstätten) und 220 in der ÜBA 2 (praktischer Teil wird über betriebliche Praktika abgedeckt) warten darauf, dass sie von einem Betrieb in ein „normales betriebliches“ Lehrverhältnis übernommen werden.

„Statt zu behaupten, dass die Unternehmen keine Lehrlinge finden, sollte die Wirtschaftskammer sie auffordern, sich um die betriebliche Ausbildung dieser Jugendlichen zu bemühen“, sagt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer.

Dass die Wirtschaftskammer den Rückgang bei der Lehrvertragsanmeldung auf den angeblichen Mangel an Lehrstellensuchenden zurückführt, entbehrt jeglicher Grundlage. Das Lehrstellenangebot hängt sehr stark von der Konjunktur ab, was sich auch seit der Corona-Wirtschaftskrise gezeigt hat. Im April gab es in Oberösterreich im Vergleich zum Vorjahr um 311 offene Lehrstellen weniger, im Mai waren es 219 und im Juni fast 100 Lehrstellen weniger. Zeitgleich stieg die Anzahl an Lehrstellensuchenden entsprechend an.

An dieser Situation ändert auch die betriebliche Lehrstellenförderung nichts. Hier wird einfach mit der Gießkanne Geld an die Unternehmen verteilt, ohne einen Lenkungseffekt zu erzielen. Der von Arbeitsministerin Aschbacher eingeführte Lehrstellenbonus wird ebenfalls verpuffen. Besonders paradox ist, dass dieses Geld rückwirkend bis 16. März ausgezahlt wird. Das kann nicht zu neuen Lehrstellen führen!

„Der Lehrstellenbonus muss unter Einbindung der Sozialpartner wirkungsvoller gestaltet werden. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung der Fördermittel, Qualitätskriterien und Perspektiven für lernschwache Jugendliche“, fordert Kalliauer und appelliert an die Unternehmer, mehr guten Willen zu zeigen: „Wenn die Arbeitgeber ihre Ansprüche bei der Lehrlingsauswahl immer weiter nach oben drehen, wird es für sie zwangsläufig immer schwieriger, Lehrlinge zu finden“. Die Wirtschaftskammer und immer mehr Unternehmen legen ihren Fokus offenbar auf die die Anwerbung von Maturantinnen und Maturanten als Lehrlinge. Damit demotivieren sie Pflichtschulabsolventinnen und -absolventen und entwerten schulische Abschlüsse.

„Es braucht ein starkes Signal der Politik, dass kein Jugendlicher zurückgelassen wird. Dieses Signal vermisse ich bis jetzt sowohl von der Bundes- als auch der Landespolitik“, betont AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer. Wir brauchen nicht nur Rettungsschirme für Unternehmen, sondern auch für die jungen Menschen ohne Ausbildung. Noch vor dem Herbst müssen das Angebot an überbetrieblichen Ausbildungsplätzen verdoppelt und auch die Produktionsschulen ausgebaut werden.

Rainer Hilbrand

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Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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