Abwasser macht Coronavirus unschädlich

Zwei österreichische Forschungsgruppen beschäftigten sich mit der Kontamination von Abwasser durch SARS-CoV-2. Ihre Schlussfolgerung: Für Mitarbeiter der Abwasserbranche besteht kein Infektionsrisiko, weil das Virus in diesem Bereich nicht mehr infektiös ist. Bei einer Erfahrungsaustauschrunde des Cleantech-Clusters der oö. Standortagentur Business Upper Austria stellten sich die Experten einer Fachdiskussion, die noch weitere neue Erkenntnisse brachte. Auf Basis der Forschungen kann auch ein Monitoring-System installiert werden, um die Ausbreitung der Viren zu lokalisieren.

SARS-CoV-2 gilt als Chamäleon unter den Viren. Immer wieder stellt der Pandemie-Erreger die Wissenschaft vor neue Rätsel, was die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten schwierig macht. Für Überraschung sorgt auch die Tatsache, dass der hochinfektiöse Erreger möglicherweise schon länger sein Unwesen treibt. Darauf lassen Untersuchungen von Abwasserproben in verschiedenen Ländern Europas schließen. Mitte März ist es dem KWR (Watercycle Research Institute) in den Niederlanden erstmals gelungen, das Genom des Virus im Abwasser nachzuweisen. Zwei österreichischen Forschungsgruppen – einer Gruppe um Heribert Insam von der Universität Innsbruck und dem Team von Norbert Kreuzinger an der TU Wien – landeten im April gleichzeitig einen Treffer. Das Erbmaterial von SARS-CoV-2 schwimmt auch im Zulauf von österreichischen Kläranlagen. Mittlerweile wurden Abwässer in ganz Österreich untersucht. Details schilderten Kreuzinger und Insam bei der Erfahrungsaustauschrunde „Klärschlamm“ des Cleantech-Clusters am 24. Juni 2020 und diskutierten per Liveschaltung mit den Teilnehmern.

Kein Infektionsrisiko für Mitarbeiter der Abwasserbranche

Eine der wichtigsten Fragen: „Ist das Virus im Abwasser infektiös, beispielsweise für Personal in den Kläranlagen? Nein! Kreuzinger lieferte die wissenschaftliche Hypothese dazu: Das Abwasser verändert das Hüllprotein und somit ist das Virus nicht mehr infektiös. Zusätzlich ist die Konzentration der Viren in den Abwässern um zehn Zehner-Potenzen geringer als beispielsweise in Hustentröpfchen.  Die normalen Hygienemaßnahmen, die in der Abwasser-Branche üblich sind, reichen aus. Die Wahrscheinlichkeit, sich mit einem anderen Keim wie Hepatitis anzustecken, wäre deutlich größer – eine Frage, die die gesamte Branche beschäftigt.

Basis für ein Frühwarn- bzw. Monitoringsystem

Kreuzinger berichtete in der ERFA über die aufwändige Methodik von Tests und die vielen Unsicherheiten und Problematiken, die noch bestehen. Er zeigte auch Grenzen auf: Der Messwert lässt keine direkte Umrechnung auf eine Anzahl der Infizierten zu – nicht einmal annäherungsweise. „Die Ausscheidungsanzahl ist von der Konstitution des Menschen, Phasen der Erkrankung und weiteren Faktoren abhängig“, betont der Wissenschaftler. Andere Trends geben mehr Aufschluss. „Eine zweite Welle kann man höchstwahrscheinlich schon im Vorfeld sehen.“ So könnte – dank der Abwasser-Begutachtung – ein Frühwarn- bzw. Monitoringsystem aufgebaut werden, mit dessen Hilfe die Gesundheitsbehörden rasch Informationen über Auftreten und Verbreitung des Virus erhalten. Als Beispiel gilt die Ausrottung von Kinderlähmung (Polio), die international über Abwasseranalysen überprüft wird.

Viruskopie als „Versuchskaninchen“

„Mit mathematischen Modellen sollen die Vorhersagen durch Auswertung verschiedenster Parameter weiter verbessert werden“, ergänzte Heribert Insam. Er berichtete über ein weiteres begleitendes Forschungsprojekt: Derzeit wird ein für den Menschen nicht gefährliches Viruspartikel konstruiert, das über die Toiletten in den Kanal geschickt werden soll, um besser vorherzusagen, wie die Überlebensfähigkeit des Corona-Virus bei der Passage im Kanal ist.

ERFA: Neue Strategien notwendig

Viermal pro Jahr treffen sich Unternehmensvertreter/-innen aus der Abwasser- und Abfallwirtschaft bei der Erfahrungsaustauschrunde (ERFA) „Klärschlamm“ des Cleantech-Clusters. Denn derzeit deutet vieles auf eine grundlegende Änderung der Rechtslage hin, die eine maßgebliche Auswirkungen auf die Klärschlammverwertung in Österreich haben wird.  Über 50 % des Klärschlamms werden in Oberösterreich noch in der Landwirtschaft verwertet, wobei hier mit weiteren Ausbringungsverboten zu rechnen sei. Umweltaspekte (Überdüngung, Schadstoffanreicherungen, …), Hygieneaspekte (Antibiotika, pathogene Keime, …) aber auch Rohstoffaspekte (Phosphor-Rückgewinnung aus kommunalen Klärschlamm) werden eine Änderung der Strategien in Österreich mit sich bringen. „Dies erfordert einen zeitgerechten und breiten Diskurs aller Stakeholder, den wir mit Experteninput bei unseren regelmäßigen Treffen zusätzlich anstoßen“, sagt Dorian Wessely vom Cleantech-Cluster, der die ERFA Klärschlamm leitet.

Bild1: Norbert Kreuzinger 

Fotocredit: TUWien

Bild:2 Heribert Insam

Fotocredit: Universität Innsbruck

Österreich-Reisepass
Rainer Hilbrand

About the author

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: (c) by salzTV