Brems Dich ein – Sicher in die Motorradsaison 2020

Motorradfahren beliebter und gefährlicher Freizeitsport

„Freiheit, Unabhängigkeit, Leidenschaft und Spaß – das sind Begrifflichkeiten die mit dem Begriff Motorradfahren in Einklang stehen. Dass Motorradfahren einen hohen Spaßfaktor und Freizeitwert hat, ist unbestreitbar. Gleichzeitig sind Motorräder aber auch das mit Abstand gefährlichste Verkehrsmittel und damit die Motorradfahrer/innen die Verkehrsteilnehmer mit dem höchsten Unfallrisiko“, so Landesrat für Infrastruktur Mag. Günther Steinkellner.

Wie die Zulassungszahlen eindeutig belegen, ist das Motorradfahren ein immer beliebter werdender Freizeitsport. Innerhalb der letzten 10 Jahre stiegen die Zulassungszahlen um über 30.000 Zweiräder an.

Abbildung 1: Entwicklung der Zulassungszahlen von Motorrädern in OÖ (Quelle: Statistik Austria)

Mit steigenden Temperaturen steigen ebenfalls die Unfallzahlen. Alleine in den Sommermonaten Juni, Juli, August ereignen sich in Oberösterreich über 50% der Unfälle.

Dass Motorradfahren eine beliebte Freizeitbeschäftigung ist, zeigen die nach Wochentagen aufgeschlüsselten Unfallstatistiken. Der überwiegende Anteil der Unfälle ereignet sich am Wochenende. Rund 49% der Unfälle passierten in der langjährigen Betrachtung an den Wochentagen Freitag, Samstag und Sonntag.

Die unfallträchtigsten Tageszeiten liegen im Bereich von 14:00 bis 19:00 Uhr (Ausflugszeit). Beinahe jeder zweite Unfall (46,2%) ereignete sich in diesem Zeitintervall.

Abbildung 4: Motorradunfälle nach Uhrzeiten, kumuliert 2009 – 2018 (Quelle: Land OÖ)

Hauptunfallursachen

Mehr als ein Drittel aller Unfälle in OÖ sind Alleinunfälle. Meistens wurden diese durch einen Fahrfehler des Bikers ausgelöst. Knapp dahinter, als zweithäufigster Unfalltypus, folgen Kreuzungsunfälle. Bei Auffahr- und Gegenverkehrsunfällen wird überwiegend Eigenverschulden der Motorradfahrer/innen festgestellt, wogegen bei Kreuzungsunfällen eine klare Tendenz in Richtung Fremdverschulden vorliegt. Bei Kreuzungsunfällen wird der Motorradfahrer vom Unfallgegner oft übersehen. Obwohl es Entwicklungen der Motorradsicherheitstechnik gibt, wird der Umfang einer Sicherheitsausstattung bei Motorrädern nie jenen der PKWs entsprechen können.

Im vergangenen Jahr kamen in ganz Österreich 79 Biker ums Leben. In Oberösterreich verunglückten 18 Motorradfahrer tödlich.

Risikogruppen

Aus den Daten geht hervor, dass es bezogen auf das Alter zwei Risikogruppen gibt. Diese liegen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren und zwischen 45 bis 55 Jahren.

Abbildung 7: Tödliche Motorradunfälle nach Altersgruppen (Quelle: Land OÖ)

Von der Motorisierung kann entgegen der allgemeinen Meinung kein erhöhtes Unfallrisiko mit steigender Motorleistung abgeleitet werden.

Auch bei der Detailansicht des Unfallgeschehens nach dem Geschlecht ist klar ersichtlich, das die Männer eine höhere Risikogruppe als Frauen darstellen.

Sicher in die Motorradsaison 2020

Der Mix aus einem technisch intakten Motorrad, wichtiger Sicherheitsausrüstung, dem richtigen Einschätzen von Gefahren und einer optimalen Vorbereitung ist das A und O für eine sichere Motorradsaison.

Gefahren richtig einschätzen

„Wir wissen, dass Motorradfahrer Situationen oft falsch einschätzen. Besonders häufig wird die Gefahr von Kreuzungsunfällen im Ortsgebiet unterschätzt, wie auch die Statistik zeigt“, weiß ÖAMTC-Fahrtechnikexperte Erwin Machtlinger. In den vielen Gesprächen und Fahrtrainings mit den Bikern zeigt sich, dass diese gefährlichen Situationen zu wenig im Bewusstsein sind. „Sie fürchten sich mehr vor Unfallsituationen, die tatsächlich kaum vorkommen, wie beispielsweise eine sich plötzlich öffnende Autotür“, so der Profi-Biker. „Unser gemeinsames Anliegen ist es, Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer auf jene Gefahren zu sensibilisieren, die tatsächlich ein hohes Unfallrisiko bergen. Je gefährlicher bestimmte Fahrweisen oder Situationen eingestuft werden und im Bewusstsein verankert sind, desto mehr achten Biker darauf und es passieren weniger Unfälle“, weiß der Motorrad-Experte.

Neben der bereits angesprochenen technischen Ausrüstung und einem entsprechenden technischen Warm-Up, ist für Machtlinger auch die richtige Bekleidung bzw. Schutzausrüstung ein wesentlicher Faktor. „Helm, Handschuhe und Stiefel sind Pflicht. Ich empfehle auch eine entsprechende Motorradjacke und –hose mit Protektoren. Das gilt auch für den Sozius“, so Machtlinger.

Oftmals werden Motorradfahrer von anderen Verkehrsteilnehmern schlichtweg nicht gesehen oder übersehen. „Ich rate Motorradfahrern auch immer für andere Verkehrsteilnehmer mitzudenken. Das bedeutet Fehler anderer zu korrigieren, defensiv zu fahren und heikle Situationen vorauszuahnen. Auch der Richtungsblick ist entscheidend. Hier werden oftmals Fehler gemacht, die dann zu Unfällen führen können“, rät der ÖAMTC-Experte. Um sicher und unfallfrei unterwegs zu sein, rät der ehemalige X-fache Staatsmeister im Motocross vor allem auf den Selbstschutz zu achten. „Dazu gehört, die Fahrbahn richtig zu lesen und eine defensive Fahrweise an den Tag zu legen. Mit vorausschauendem, konzentriertem und kontrolliertem Fahren können Risikosituationen vermieden werden.“, empfiehlt der ÖAMTC Fahrtechnik- Instruktor.

Helm und Schutzkleidung

Großes Potenzial zur Senkung der Zahlen verletzter und getöteter Motorradfahrer bietet die Erhöhung der passiven und aktiven Fahrzeugsicherheit. Das Tragen von reiß- und abriebfester sowie gut sichtbarer Schutzkleidung und Protektoren ist ebenso ein Muss wie ein Schutzhelm. Bei dessen Wahl sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass er die aktuellen Normen erfüllt. Integralhelmen ist der Vorzug vor Halbschalen- oder Jethelmen zu geben, da diese insbesondere im Kinn- und Gesichtsbereich klare Schutzvorteile aufweisen. Wichtig ist selbstverständlich auch, dass der Helm gut sitzt und der Kinnriemen geschlossen ist.

Protektoren

Wie die wissenschaftliche Unfallanalyse zeigt, tragen Motorradfahrer immer wieder durch Aufprallsituationen im Thorax-Bereich schwere Verletzungen davon. Mehrere Simulationen zur Leistungsfähigkeit des sogenannten Thorax-Protektors ergaben, dass er für eine bessere Verteilung der Kräfte beim Anprall sorgt und auf diese Weise die gefährlichen, nach innen gerichteten Rippenfrakturen vermeidet.

Airbags

Ein weiteres vielversprechendes Schutzelement bei einem Unfall ist der Motorrad- Airbag. In zahlreichen Crashtests konnte nachgewiesen werden, dass der Airbag speziell bei Kollisionen mit einem Pkw als häufigstem Unfallgegner seine Wirksamkeit entfaltet. Insbesondere bei Kopfanprallen an der seitlichen Dachkante eines Pkw sind die Verletzungshäufigkeiten an Kopf, Hals und Thorax des Motorradfahrers besonders hoch. Der Airbag trägt dazu bei, den Kopfanprall erheblich abzumildern oder sogar vollständig zu vermeiden. Gleichzeitig kann er die Verletzungsrisiken verringern, die sich beim Anprall des Motorradfahrers am Tank seines Fahrzeugs oder durch Hängenbleiben am Lenker ergeben.

Technische Ausrüstung/Service:

Um sicher in die Saison zu starten, gibt es einige Überprüfungen die vorab gemacht werden sollten. „Am wichtigsten ist der Zustand der Reifen, denn sie sind die einzige Verbindung zur Straße. Falscher Luftdruck und/oder zu geringe Profiltiefe vermindern die Bodenhaftung und steigern das Unfallrisiko“, erklärt Thomas Harruk, Landesgeschäftsführer des ARBÖ Oberösterreich. Der Reifendruck sollte nach Herstellervorschrift eingehalten werden und die Profiltiefe sollte 1,6 Millimeter nicht unterschreiten. „Nicht übersehen werden sollten auch die Leitungen und Schläuche des eigenen Gefährts. Diese auf ihre Dichtheit zu überprüfen erspart spätere Probleme. Bremsflüssigkeits- und Motorölstand sowie die korrekte Funktion der Beleuchtung sollten ebenfalls kontrolliert werden“, rät Harruk. Wichtig ist auch, dass Federn und Stoßdämpfer genau eingestellt sind, die Lenkung frei und die Kette richtig gespannt ist. Wer im Herbst keinen Ölwechsel vorgenommen hat, sollte dies nun nachholen. Zumindest einmal jährlich müssen Öl und Ölfilter gewechselt werden. Bei der Bremsflüssigkeit genügt ein Wechsel alle zwei Jahre. Die technische Wartung und Instandhaltung des Fahrzeuges ist nur ein Teil des Ganzen. Auch die Ausrüstung ist ein wichtiger Bestandteil für die sichere Fahrt.

Neu- und Wiedereinsteiger/innen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Es empfehlen sich Proberunden auf sicheren Plätzen und langsames Einfahren auf verkehrsarmen Strecken. Besonders zu achten ist auf Verschmutzungen und Streugutreste, wie auch auf Fahrbahnfeuchte und mögliche Belagswechsel. Besonders Bodenmarkierungen können bei feuchten oder nassen Fahrverhältnissen ein Risiko darstellen. Darüber hinaus ist es empfehlenswert, Überforderungen zu vermeiden. Blickverhalten, Fahrlinienwahl, Kurventechnik und Gruppenfahrten sollten speziell trainiert werden.

Maßnahmenpaket des Infrastrukturressorts

„Motorradfahren hat eine starke körperliche Komponente – Fitness und Reaktionsgeschicklichkeit sind gefragt. Insbesondere nach einer langen Winterpause ist eine optimale Eingewöhnung für den Start in die neue Saison wichtig. Denn richtiges Reagieren in Gefahrensituationen kann Leben retten“, so Steinkellner.

Gutscheine für Motorrad-Fahrsicherheitstrainings

Fahrtechnikkurse ermöglichen in sicherer Umgebung und mit professioneller Unterstützung das Erlangen der notwendigen Fähigkeiten und entsprechender Praxis. Alle Besitzer eines Motorradführerscheins mit abgeschlossener Ausbildung und Wohnsitz in OÖ, können jährlich einen Gutschein für ein Fahrtechniktraining beantragen.

„Wir möchten aktiv zur Sicherheit der Motorradfahrer und aller Verkehrsteilnehmer beitragen. Deswegen unterstützt das Land die Biker mit Gutscheinen zu Fahrsicherheitstrainings“, so Landesrat Steinkellner.

Angeboten werden Gutscheine sowohl für ein ganztägiges, als auch für ein halbtägiges „Warm-Up“ Training. Die Gutscheine wurden bereits im Vorjahr höher dotiert. Ganztägige Fahrsicherheitstrainings werden mit 75 Euro, halbtägige mit 40 Euro seitens des Infrastrukturressorts gesponsert.

Ein solcher Gutschein kann auch einen sinnvollen Teil eines Geschenks darstellen und sollte beim Kauf eines Motorrades jedenfalls in Betracht gezogen werden. Nähere Informationen erhalten Sie direkt auf der Homepage des Infrastrukturlandesrats oder der Homepage des Landes Oberösterreich.

Motorrad-Leitschienen

Eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Motorradfahrer stellen die Schutzplanken am Straßenrand dar. Diese bieten zwar größtmöglichen Schutz für Fahrer von Pkw und Nutzfahrzeugen, der verbleibende offene Abstand zum Boden birgt jedoch für Motorradfahrer große Risiken. Wird ein Motorradfahrer zum Beispiel aus der Kurve getrieben und stürzt, so besteht die Gefahr, dass er unter der Schutzplanke durchrutscht, beziehungsweise gegen einen der Stützpfosten prallt. Als effiziente Schutzeinrichtung verfolgt das Verkehrsressort des Landes seit einigen Jahren das Projekt Unterfahrschutz. Sind Stürze nicht vermeidbar, gilt es den Straßenseitenraum

dementsprechend sicher zu gestalten. Für Motorradfahrende sind abgesicherte 10

Objekte von großer Bedeutung. Ein Fahrfehler oder Sturz mit anschließendem Objektanprall (Bäume, Leitpflöcke, Masten, etc.) kann gravierende Folgen nach sich ziehen. Eine großzügige Auslaufzone – wie es bei Motorradrennen auf Rundkursen der Fall ist – ist im öffentlichen Straßenraum kaum möglich. Dementsprechend muss der Fokus auf der Absicherung von potentiellen Gefahren liegen. Mit dem Projekt ‚Unterfahrschutz‘ hat Oberösterreich eine Vorreiterrolle eingenommen und setzt bei neuralgische Unfallhäufungspunkten und bekannten Motorradstrecken auf den kontinuierlichen Ausbau dieser Sicherheitsmaßnahme.

Abbildung 11: Neuralgische Motorradstrecken mit Motorrad-Leitschienen-Unterfahrschutz (Quelle Land OÖ)

Ermöglicht wird an damit geschützten Stellen eine Reduktion der tödlichen Unfälle um bis zu 30%. Weiters kann der Verletzungsgrad der sonstigen Unfälle dadurch zum Teil erheblich reduziert werden. Bisher wurden damit auf 37 ausgewählten Landesstraßen der Kategorien B und L insgesamt 19.000 Laufmeter Leitschienenunterfahrschutzsysteme verbaut.

Bodenmarkierungen

Neben den Maßnahmen zur Verbesserung der passiven Verkehrssicherheit wie beispielsweise durch Unterfahrschutzsystemen an Leitschienen sollen in Oberösterreich 2020 auch besondere Maßnahmen zur aktiven Unfallvermeidung angewandt werden. Es handelt sich dabei um Sondermarkierungen, die Motorradfahrer in unübersichtlichen Kurven zur Wahl der richtigen Fahrlinie animieren sollen. Eine häufige Unfallursache bei Motorrädern ist die Korrektur der Fahrlinie während der Kurvenfahrt. Durch ungünstige Fahrlinien der Motorräder resultieren oftmals Konflikte mit dem Gegenverkehr (in Linkskurven).

Im Jahr 2020 sollen im Bereich der B119 Bodenmarkierungen angebracht werden. Diese sollen die Blickführung und Fahrlinie der Motorräder in der Art beeinflussen, dass ein Überragen der Fahrbahnmitte verhindert wird. Ein Überragen der Fahrbahnmitte erfordert bei plötzlichem Gegenverkehr ein Ausweichmanöver. Diese Ausweichmanöver werden vor allem mit der Unfallart „Abkommen nach rechts in Linkskurven“ in Verbindung gebracht. Diese Unfallart stellt den größten Anteil der Motorradunfälle dar. Die Auswirkungen der Bodenmarkierungen sollen nach einem angemessenen Zeitraum untersucht werden.

Schutz durch Kontrolle

Um gefährliche Unfälle zu vermeiden, wird in Absprache mit der Polizei die Kontrolldichte in Bezug auf Geschwindigkeitsüberwachungen an stark frequentierten Motorradstrecken erhöht. Auf den üblichen Motorradstrecken (z.B. Weißenbachtal, Grein, Dimbach, Donautal usw.) werden Schwerpunkte im Bereich Geschwindigkeits- und Lärmüberwachung gesetzt. Hier kommen neue, von Seiten des Landes geförderte Messinstrumente zum Einsatz. Vorteile dieses Systems sind neben der exakten und modernen Messtechnik auch die flexible Verwendung durch den raschen Auf- und Abbau. Ebenfalls lässt die universelle Einsatzbarkeit auch Messungen im Kurvenbereich zu. Insbesondere für die Geschwindigkeitsüberwachungen auf kurvigen Motorradstrecken bietet diese Möglichkeit eine Erhöhung der Verkehrssicherheit. Bei den bisher im Einsatz befindlichen, mobilen Messsystemen auf Radar- oder Laserbasis stößt deren
Einsetzbarkeit oft aufgrund der eichamtlichen Verwendungsbestimmungen, aber auch aufgrund von deren Abmessungen an die Grenzen. Das neue Messinstrument wurde von den Bundesländern Wien und Kärnten bereits probeweise getestet und von allen beteiligten Beamten in den höchsten Tönen gelobt. Insbesondere zur Überwachung von stark frequentierten Motorradstrecken soll das Gerät in diesem Jahr zum Einsatz kommen.

Michael Breitenthaller, Dr. Peter Aumayr, Landesrat Mag. Günther Steinkellner, Erwin Machtlinger, Thomas Harruk

Fotos: Land OÖ/Sabrina Liedl

Rainer Hilbrand

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Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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