Schuldnerberatungen in Oberösterreich Bilanz 2019 und Schwerpunkte in der Präventionsarbeit

In Oberösterreich finanziert das Sozialressort des Landes Oberösterreich zwei Einrichtungen, die Schuldnerberatung und Präventionsarbeit leisten: die SCHULDNERBERATUNG OÖ und die SCHULDNERHILFE OÖ.

Mit Ausnahme von Linz – wo beide Vereine tätig sind – decken die Berater/innen der beiden Vereine unterschiedliche Regionen ab. Während die Mitarbeiter/innen der SCHULDNERHILFE OÖ Klient/innen aus den Regionen Rohrbach, Freistadt, Perg und Kirchdorf betreuen, übernehmen dies für die Regionen Vöcklabruck, Ried, Steyr, Wels, Bad Ischl, Braunau, Schärding und Gmunden die Berater/innen der SCHULDNERBERATUNG OÖ. Oberösterreich kann heute auf sieben fixe Beratungsstellen (2-mal Linz, Vöcklabruck, Ried, Steyr, Wels und Rohrbach-Berg) und sieben regelmäßige Sprechtage (Bad Ischl, Braunau, Schärding, Gmunden, Perg, Freistadt, Kirchdorf) verweisen.

Die Finanzierung erfolgt aus Mitteln des oberösterreichischen Sozialressorts und des Familienministeriums. „Damit wird seitens des Sozialressorts ein wesentlicher Beitrag zur Entlastung der regionalen Sozialhilfeträger bei der Vermeidung von Armut und der daraus entstehenden Folgekosten geleistet“, sagt Sozial-Landesrätin Gerstorfer. In den Jahren 2020 und 2021 sind für die Angebote der Schuldnerberatung je rund 4 Mio. Euro im Sozialbudget des Landes Oberösterreich vorgesehen.

Bilanz 2019

Die Schuldnerberatungen in OÖ führten im Jahr 2019 insgesamt mehr als 13.200 persönliche Beratungsgespräche. Etwa 1.500 Privatkonkurse wurden von den Schuldnerberatungen durchgeführt oder nachbetreut, davon wurden ca. 1.000 Privatkonkursverfahren neu beantragt. In Summe verzeichneten die Schuldnerberatungen 3.351 Neuzugänge zu den Beratungen. Im Vergleich zum Vorjahr gibt es einen leichten Anstieg um 3,62 % bei den Personen, die erstmals zur Beratung gekommen sind. Bei den Neuzugängen handelt es sich überwiegend um Familien (35 %) und alleinstehende Personen (34 %). Weitere 17 % befanden sich zum Zeitpunkt der Beratung in einer Lebensgemeinschaft. Die Durchschnittsverschuldung der Klient/innen lag bei rund 65.000 Euro.

Hauptursachen der Überschuldung

Im Jahr 2019 waren die Hauptursachen der Überschuldung mit 25 % „Arbeitslosigkeit/Krankheit/Einkommensverschlechterung“, gefolgt von „mangelnder Budgetplanung“ (23 %). Weitere Ursachen sind „selbstständige Tätigkeit“, „Scheidung/Trennung“ sowie „Wohnungskauf/ Wohnungsausstattung/Hausbau“

„Diese Daten sind zum einen ein klares Signal für den engen Zusammenhang zwischen unregelmäßigem bzw. geringerem Einkommen und der Gefahr von Überschuldung. Zum zweiten zeigt die hohe Anzahl jener Personen, deren Verschuldung auf eine „mangelnde Budgetplanung“ zurückzuführen ist, die Notwendigkeit zur Förderung der persönlichen Finanzkompetenz“, resümiert Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer.

Kosten-Zinsen-Spirale

Schon lange beobachten Schuldenberater/innen, dass Forderungen aufgrund von Zinsen und Betreibungskosten schnell steigen. 2019 führte die Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatungen (ASB Schuldnerberatungen GmbH) eine österreichweite Erhebung bei den Schuldenberatungen durch.

Einige wichtige Ergebnisse aus der Erhebung:
– Nach knapp acht Jahren haben sich Schulden nahezu verdreifacht

– Jede dritte Forderung hat sich mehr als verdoppelt
– Bei einer Durchschnittsverschuldung der Klient/innen der Schuldenberatungen österreichweit von 68.000 Euro liegt ein ursprüngliches Kapital von nicht einmal 25.000 Euro zu Grunde.
– 34 % der Forderungen stammen von Banken, 15 % vom Handel/Versandhandel.

Menschen, die in die Schuldenberatung kommen, haben meist schon viele Jahre versucht, einen Ausweg zu finden. In dieser Zeit haben sich die Schulden durch Zinsen, Zinseszinsen und Betreibungskosten in der Regel vervielfacht. Die Schuldenberatungen fordern daher, dass die Verrechnung von Zinsen und Kosten gedeckelt wird. Eine einfache Lösung wäre, dass sich eine Schuld inklusive aller Kosten und Zinsen maximal verdoppeln darf – unabhängig von der Betreibungsdauer. Das würde das Explodieren von Forderungen und das sinnlose Weitertreiben von uneinbringlichen Forderungen verhindern. Selbst eine Verdoppelung des Kapitals lässt noch genügend Spielraum für eine angemessene und kostendeckende Betreibung durch Gläubiger bzw. deren Vertreter/innen.

Wirkung der Präventionsmaßnahmen in Oberösterreich

Dass sich gute präventive Arbeit bezahlt macht und eine positive Wirkung hat, zeigt die Entwicklung des Anteils junger Menschen in Beratung. Der Anteil der neuen Klientinnen und Klienten der Schuldnerberatungen im Alter „bis 25 Jahre“ konnte von 20,5 % im Jahr 2008 auf 17,0 % im Jahr 2019 gesenkt werden. Auch die Altersgruppe „bis 30 Jahre“ ging im gleichen Zeitraum von 37,2 % auf 31,6 % zurück. Die Schuldnerberatungen legen ihre Schwerpunkte neben der Beratung daher auch heuer auf die Präventionsarbeit.

Präventionsarbeit FINANZBILDUNG

Prävention von Schuldenproblemen nimmt in beiden Schuldnerberatungseinrichtungen einen hohen Stellenwert ein. Ziel ist Bewusstseins- und Verbraucherbildung im Umgang mit Geld und finanziellen Ressourcen sowie eine Überschuldungsvermeidung.

Die Herausforderungen für junge Konsument/innen werden stetig mehr: Neue Bezahlmethoden, das Smartphone als Alleskönner, undurchsichtige Klauseln, immer komplexere Wirtschaftszusammenhänge – und mittendrin junge Menschen am Sprung in die Eigenständigkeit. Finanzbildung ist für die Schuldenberatungen eine finanzielle Basisbildung. Es geht darum, Kinder und Jugendliche fit für ihre finanziellen Alltagsentscheidungen zu machen und sie bestmöglich auf ihre finanzielle Eigenständigkeit vorzubereiten.

Das Hauptaugenmerk liegt auf der Verbesserung und der Steigerung der finanziellen Basisbildung junger Menschen:

  • –  Verbraucher/innen sollen zu mündigen Wirtschaftsakteur/innen werden.
  • –  Wissensvermittlung über Finanzdienstleistungen, deren Akteur/innen und Interessen (Erkennen von möglichen Gefahren und Risiken)
  • –  Vermittlung einer kritischen Distanz zu Finanzdienstleistungsprodukten
  • –  Vermittlung finanzieller Handlungskompetenz Zielgruppen der Finanzbildungsangebote der Schuldenberatungen sind vornehmlich Schüler/innen in Mittelschulen, Polytechnischen Schulen, Fachschulen und Lehrbetrieben, sowie Teilnehmer/innen an arbeitsmarktpolitischen und sozialpädagogischen Maßnahmen. Im Jahr 2019 haben 12.200 Teilnehmer/innen an Workshops zur Verbesserung der Finanzbildung der beiden staatlich anerkannten Schuldnerberatungsstellen in Oberösterreich teilgenommen. Weiters wurde auf das E-Learning Angebot der SCHULDNERHILFE OÖ 15.000 Mal zugegriffen. Erfolgsprojekt OÖ Finanzführerschein Die SCHULDNERHILFE OÖ hat 2007 den OÖ Finanzführerschein entwickelt. Er bietet ein mehrstufiges, modular aufgebautes Ausbildungsprogramm für Schüler/innen, in dessen Rahmen die T eilnehmer/innen praxisnahes Wissen rund um das Thema Geld und persönliches Konsumverhalten erhalten. Heute hat sich der OÖ Finanzführerschein in zahlreichen Schulen Oberösterreichs als fixer Bestandteil in der Jahresplanung etabliert. Im abgelaufenen Schuljahr haben etwa 3.300 Jugendliche den OÖ Finanzführerschein absolviert. Die Nachfrage nach dem Angebot ist ungebrochen stark. Die aktuell 3.300 Plätze sind meist schon zu Anfang des Schuljahres vergeben. Weitere Infos unter www.finanzfuehrerschein.at Projekt CASH&JOB für Lehrlinge Speziell für Lehrlinge hat „KLARTEXT – Finanzielle Gesundheit“ – die Fachabteilung der SCHULDNERBERATUNG OÖ das mehrstufig aufgebaute Projekt CASH&JOB entwickelt.

Für die Finanzwirtschaft sind gerade Lehrlinge eine heiß umkämpfte Zielgruppe. Viele lassen sich auf Finanzprodukte ein, die sie sich nach einigen Jahren nicht mehr leisten können.

Im vergangenen Jahr konnten über 1.000 Lehrlinge direkt in oberösterreichischen Unternehmen und in Berufsschulen erreicht werden. Einige Firmen wie z. B. TCG Unitech in Kirchdorf und Silhouette International in Linz haben CASH&JOB bereits fix in ihre Ausbildungspläne aufgenommen. Weitere Infos unter: www.klartext.at

Kostenlose Budgetberatung

Die kostenlose Budgetberatung der Schuldnerberatungen unterstützt dabei, die eigenen finanziellen Fähigkeiten zu stärken. Eine ehrliche Finanzplanung schafft Sicherheit. Das Angebot der Budgetberatung richtet sich an jede Person in Oberösterreich, die sich gerne einen Überblick über die eigene finanzielle Situation verschaffen oder den eigenen Umgang mit Geld verbessern möchte. Die Budgetberatung bietet sich unter anderem an, wenn gravierende Änderungen in der Lebenssituation bevorstehen oder sich diese bereits ergeben haben.

Zu den Zielgruppen zählen beispielsweise Menschen:

  •   mit konkreten Anschaffungsvorhaben wie Auto, erste Wohnung
  •   mit Wunsch zur Eigenheimanschaffung (Wohnung/Haus)
     in neuen Lebensabschnitten, zum Beispiel Scheidung oder Trennung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Pension Betreutes Konto – ein innovatives Instrument zur Existenzsicherung Viele Menschen sind von der Komplexität des heutigen Finanzlebens und der Führung ihres Gehaltskontos überfordert. Sie schaffen es nicht, zwischen existenzsichernden Zahlungen und weniger wichtigen Konsumausgaben zu unterscheiden und treffen Entscheidungen, die sie in ihrer finanziellen Existenz gefährden. Seit Mitte 2014 bietet die SCHULDNERHILFE OÖ das Angebot des Betreuten Kontos an. Existenzsichernde Zahlungen wie Miete, Strom und Heizungskosten werden durch die SCHULDNERHILFE OÖ vom Betreuten Konto des Kunden bzw. der Kundin angestoßen, der Restbetrag steht dem Kunden/der Kundin am Auszahlungskonto zur freien Verfügung.

Mit diesem Angebot können wir Härtefälle vermeiden und sicherstellen, dass Personen die existenzsichernden Zahlungen für Miete, Strom und Heizung leisten, bevor es zu Kündigungen kommt. Das spart unnötige Folgekosten“, ist Sozial-Landesrätin Gerstorfer überzeugt. Aktuell werden damit 150 Personen unterstützt.

Bei etwa 80 Prozent dieser Personen ist es durch dieses Unterstützungsangebot zu einer Stabilisierung und Sicherung ihrer Wohnungssituation gekommen (die Gefahr von Delogierung wurde hier gebannt).

Erfahrung mit zwei Jahren Privatkonkursreform

Menschen mit geringem Einkommen bzw. mit sehr hohen Schulden (meist aus ehemaliger selbständiger Tätigkeit) haben durch die Reform 2017 auch die Chance erhalten, sich mittels Schuldenregulierungsverfahren zu entschulden. Dies schlug sich vor allem 2018 durch massiv gestiegene Konkursanträge in den Statistiken der Schuldenberatungen nieder.

Die Reform hat eine Verkürzung der Laufzeit auf fünf Jahre und den Wegfall der 10-Prozent- Hürde im Abschöpfungsverfahren gebracht, gleichzeitig aber auch die Obliegenheiten (Verpflichtungen) für die Betroffenen verschärft. Nach zwei Jahren Erfahrung zeigt sich, dass dadurch Personen leichter bzw. häufiger wieder aus dem Abschöpfungsverfahren herausfallen und das Scheitern des Privatkonkurses massive Folgen durch die gesetzlichen Sperrfristen hat. Diese betragen zehn Jahre für einen neuerlichen Zahlungsplan und 20 Jahre für ein neues Abschöpfungsverfahren.

Ein Privatkonkurs bedeutet mindestens fünf Jahre lang Leben am Existenzminimum – und liegt aktuell mit 966 Euro für Alleinstehende (Untergrenze; im Detail von persönlichen Rahmenbedingungen wie Einkommen und Sorgepflichten abhängig) deutlich unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1.259 Euro (60 % des Median-Einkommens für Ein- Personen-Haushalte).

Oft gelesene Schlagzeilen wie „Gratis-Konkurs“ wecken völlig falsche Vorstellungen. Die Menschen leben jahrelang, gerichtlich verordnet, in Armut. Das nehmen sie auf sich, um endlich schuldenfrei zu werden. „Der nächste und überfällige Schritt zur Armutsbekämpfung wäre, das Existenzminimum bei Lohnpfändungen zumindest auf die Höhe der Armutsgefährdungsschwelle von 1.259 Euro anzuheben“, sind sich die Schuldnerberater/innen einig.

Pressekonferenz am 11. Februar 2020

LRin Birgit Gerstorfer: Schuldnerberatungen in OÖ – Bilanz 2019 Seite 8 von 8

BUDGETCOACHES begleiten Schuldenregulierungsverfahren

Wie oben beschrieben hat es gravierende Folgen, wenn jemand aus einem Schuldenregulierungsverfahren herausfällt. Das Ehrenamt-Projekt der SCHULDNERHILFEOÖ setzt genau hier an und unterstützt Klient/innen mit 30 ehrenamtlichen BUDGETCOACHES in der mehrjährigen Zahlungsphase. Das Angebot erhöht die Chance, die anstrengende Phase der Quotenzahlung (jahrelang am Existenzminimum zu leben) durchzuhalten und so nach fünf bzw. sieben Jahren einen echten Neustart ohne Schuldenrucksack zu ermöglichen.

Schuldenberatung rechnet sich

Jeder Euro, der in die staatlich anerkannten Schuldnerberatungen investiert wird, schafft soziale und wirtschaftliche Wirkungen im Gegenwert von 5,3 Euro. Dies wurde im Rahmen einer Social Return on Investment (SROI)-Analyse durch das NPO-Kompetenzzentrum der Wirtschaftsuniversität Wien zum sozialen Mehrwert von Schuldenberatung errechnet.

Anerkannte Schuldenberatungen setzen auf Qualität

Seit 2008 führen „staatlich anerkannte Schuldenberatungen“ österreichweit einheitlich ein vom Justizministerium verliehenes Gütezeichen, um sich weithin sichtbar von anderen Anbietern zu unterscheiden. Sie sichern durch ihre professionelle Beratung und die Vertretungsfunktion vor Gericht auch den Zugang zum Privatkonkurs.

Weiters sind die beiden staatlich anerkannten Schuldenberatungen in OÖ nach dem international anerkannten Qualitätsmanagementsystem ISO 9001:2015 zertifiziert.

 v.l.: Ferdinand Herndler, GF Schuldnerberatung OÖ, Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer, Thomas Berghuber, GF Schuldnerhilfe
Rainer Hilbrand

About the author

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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