Arbeiterkammer fordert ob Produktivitätssteigerung kräftige Lohnerhöhungen

Österreichs Arbeitnehmer/-innen werden von Jahr zu Jahr produktiver. Davon profitieren aber vor allem die Unternehmen. Die gesamte Kaufkraft der Beschäftigten ist hingegen kaum höher als vor 20 Jahren. „Die Produktivität der Beschäftigten ist in diesen 20 Jahren um ein Viertel gestiegen. Die Löhne und Gehälter nur halb so stark. Es ist höchste Zeit, dass sie durch höhere Einkommen wieder stärker an der Ernte der Früchte ihrer Arbeit beteiligt werden“, sagt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer.

Das Median-Einkommen der österreichischen Beschäftigten im Jahr 2017 (das letzte Jahr, über das Daten verfügbar sind) war preisbereinigt und netto, sogar um 0,4 Prozent niedriger als 1997. „Median-Einkommen“ bedeutet: Je die Hälfte der Beschäftigten verdient mehr bzw. weniger als diesen Wert. Das am schlechtesten verdienende Einkommensviertel hatte real sogar um 16 Prozent weniger als die Vergleichsgruppe 1997! Nur das Einkommensviertel mit den höchsten Lohn- bzw. Gehaltseinkommen verdient netto um knapp vier Prozent mehr als jenes 20 Jahre zuvor.

In Oberösterreich betrug 2018 das Median-Einkommen 2.350 Euro brutto, um 3,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Männer verdienten im Median 2.778 Euro, Frauen mit 1.775 Euro um 37,6 Prozent weniger.

Der Anteil der Löhne und Gehälter am gesamten Volkseinkommen – die sogenannte Lohnquote – geht mit Unterbrechungen seit 25 Jahren zurück. Nur in der Wirtschaftskrise nach dem Finanzcrash 2008 bzw. der Phase niedrigen Wachstums ab 2012 ist sie gestiegen. Eine kluge Lohnpolitik hat die Löhne und Gehälter stabilisiert. Die Kaufkraft konnte dadurch erhalten und so die Krisen rascher als in anderen Ländern überwunden werden.

Der langfristige Rückgang der Lohnquote hat mehrere Ursachen. Zum einen die hohe Arbeitslosigkeit und der steigende Anteil von Dienstleistungsjobs mit niedrigem gewerkschaftlichen Organisierungsgrad, was die Verhandlungsposition der Gewerkschaften schwächt. Der Spielraum für höhere Löhne wird auch durch enorme Gewinnausschüttungen an die Unternehmenseigentümer/-innen, hohe Besitzeinkommen und Managergagen gedrückt.

Eine zentrale Ursache ist auch das Entlohnungsverhalten der Unternehmen. Die besten Kollektivverträge können dort nicht wirken, wo Überstunden nicht bezahlt werden, Arbeitnehmer/-innen zu niedrig eingestuft sind, Zahlungen über dem kollektivvertraglichen Mindestlohn zurückgefahren werden und Unternehmen ganze Abteilungen durch Auslagerung in „billigere“ Kollektivverträge zwingen. Auch atypische Beschäftigung, mehr Teilzeitjobs, Leiharbeit und häufigere Unterbrechungen der Berufstätigkeit verschlechtern die Einkommen. Knapp 17 Prozent der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen sind atypisch beschäftigt.

Derzeit häufen sich Anzeichen für eine neuerliche Wirtschaftsflaute. „Genau jetzt ist die richtige Zeit, die österreichischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch höhere Einkommen wieder stärker an der Ernte der Früchte ihrer immer produktiveren Arbeit zu beteiligen. Die zusätzliche Kaufkraft stärkt auch die Wirtschaftsentwicklung“, sagt der AK-Präsident.

Der Spielraum dafür ist ausreichend: In den letzten beiden Jahren ist die Lohnquote um insgesamt 0,6 Prozentpunkte auf 68,2 Prozent des Volkseinkommens gesunken, das entspricht rund 1,6 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die kleine Gruppe der Aktionäre/-innen der an der Wiener Börse notierten Unternehmen (ATX) ließ sich heuer 3,22 Milliarden Euro als Gewinnausschüttung (Dividenden) auszahlen – um 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Wäre die Lohnquote gleich hoch wie noch vor 25 Jahren, wäre allein im Jahr 2018 die Brutto-Lohn- und Gehaltssumme um 17 Milliarden Euro höher.

„All das spricht für kräftige Lohn- und Gehaltssteigerungen für alle. Und die kollektivvertraglichen Mindestlöhne und -gehälter müssen auf mindestens 1.700 Euro steigen. Auch steuerlich muss kräftig umverteilt werden: Durch die Senkung der Lohnsteuer aller Beschäftigten, einen steuerlichen Wohn-Bonus zur Abfederung der ständig steigenden Mieten und höhere Steuern für Reiche durch eine Vermögenssteuer ab einer Million Euro“, fordert Kalliauer.

Rainer Hilbrand

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Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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