Start des bisher umfassendsten Integrationsschwerpunktes „Menschen aus Afghanistan“

Die Ausgangslage, die Erfolge, die Probleme und die geplanten Projekte

Derzeit leben ca. 44.300 Afghaninnen und Afghanen in Österreich, die meisten davon in Wien (17.753), Oberösterreich (7.021) und der Steiermark (5.343). Insgesamt ist die afghanische Bevölkerung in Oberösterreich und Österreich sehr heterogen und spiegelt die unterschiedlichen Fluchtbewegungen der letzten Jahrzehnte wider. Darunter viele Afghaninnen und Afghanen, die viele Jahre in Pakistan oder im Iran gelebt haben bzw. dort bereits geboren wurden und aufgrund der Situation in ihren Ländern nicht mehr bleiben konnten.

Mehr als 80% der Asylwerber/innen in Lehrausbildung kommen aus Afghanistan. Sie erbringen vielfach hervorragende Leistungen, sind aber besonders stark von den drohenden Abschiebungen betroffen. Gleichzeitig sind Menschen aus Afghanistan besonders stark in den Verfahren in 2. Instanz vertreten und leben damit mit einem weitgehenden Arbeitsverbot vielfach drei Jahre oder mehr in erzwungener Untätigkeit. Auffällig ist aber auch der erhöhte Anteil von Anzeigen bei Menschen aus Afghanistan. Hier liegen teilweise widersprüchliche Angaben vor Integrations-Landesrat Anschober hat daher eine offizielle Anfrage über die Daten an die Exekutive eingebracht.

Umfassender Schwerpunkt Gewaltschutz, Gewaltprävention und Integration

Heute am Abend wird bei einer großen Informationsveranstaltung das gesamte Konzept mit dem Schwerpunkt Gewaltschutz, Gewaltprävention und Integration präsentiert – mit dabei die Botschafterin Afghanistans in Österreich.

Integrations-Landesrat Rudi Anschober: „Mir ist es wichtig, dass wir mit dieser großen Gruppe der Afghaninnen und Afghanen intensiv arbeiten, um ihnen klar zu machen, was es braucht, um erfolgreich in die Gesellschaft zu wachsen, um ihnen Perspektiven zu geben, um Frauen zu stärken, Männer zum richtigen Frauenbild zu bringen und um den Betroffenen aber auch klar zu machen, dass es Konsequenzen hat, falls sie selbst ihre Zukunft aufs Spiel setzen. Daher bildet die Präventionsarbeit durch Normverdeutlichung auch einen zentralen Bestandteil dieser Arbeit. Dieser intensive Schwerpunkt, der intensivste Integrationsschwerpunkt für eine spezielle Gruppe in der bisherigen Integrationsarbeit, ist eine einmalige Chance für diese Gruppe, eine ausgestreckte Hand, eine geöffnete Tür in die Gesellschaft, falls die Grundregeln dieser Gesellschaft konsequent akzeptiert werden.“

Die konkreten Säulen des zentralen Schwerpunktes:

  1. Die „Steuerungsgruppe für ein gewaltfreies Zusammenleben“ (Leitung: Integrationslandesrat, beteiligte Institutionen und Organisationen: Exekutive, Justiz, Neustart, NGOs, Gewaltschutzzentrum, Uni/Institut für Strafrecht)
  2. Das Gewaltschutzprojekt in der Grundversorgung in allen 266 Quartieren – Prävention, Gewaltvermeidung, Umgang mit Gewalt, Konsequenzen aufzeigen, Kultur des Hinschauens mit einem einheitlichen Leitfaden als Thema in allen Quartieren
  3. Mit Asylwerber/innen, die im Prozess des Gewaltschutzprojektes als konfliktbereit erkannt werden, wird je nach Ursachenanalyse in zwei Projekten gearbeitet: Männer mit fragwürdigem Ehrbegriff bzw. potentiell Gewalttätige
  4. Integrationsschwerpunkt „Menschen aus Afghanistan“

5. Präventionsarbeit der Exekutive, u. a. durch umfassende Normverdeutlichung

Um die Integration der Afghaninnen und Afghanen in Oberösterreich offensiv zu forcieren, wurde bereits im Herbst 2018 ein Konzept für eine Integrationsoffensive für „Menschen aus Afghanistan“ erarbeitet. Im Vordergrund des Integrationsschwerpunktes „Menschen aus Afghanistan“ steht die Umsetzung von Maßnahmen mit folgenden Schwerpunktsetzungen:

  •   Frauenbild in der österreichischen Gesellschaft
  •   Gleichstellung von Mann und Frau
  •   Vermittlung von Regeln und Pflichten in Österreich
  •   rasche Vermittlung der deutschen Sprache
  •   Arbeitsmarktintegration – Stärkung der Selbsterhaltungsfähigkeit
  •   Kinderrechte
  •   Wohnen
  •   Kriminalitäts- und Suchtprävention
  •   Maßnahmen gegen falsche Ehrbegriffe von Männern Im Einklang mit den Schwerpunktsetzungen und auf Basis des Konzepts wurden von unterschiedlichen Trägern und Institutionen Projekte bei der Integrationsstelle Oberösterreich eingereicht. Nach Vorauswahl mittels Konzeptprüfung sind 20 Projekte zur Umsetzung ausgewählt worden. Einige ausgewählte werden nun genauer vorgestellt:

  • 1. Kategorie „Gewaltprävention“: Projekt „Männerberatung und Angebote für Afghanen in Oberösterreich“ (Volkshilfe FMB) Das von der Volkshilfe getragene Projekt spricht Männer und männliche Jugendliche aus Afghanistan und anderen Ländern an, die sich noch im Asylverfahren befinden oder über einen positiven Aufenthaltsstatus verfügen.

Ziele des Projekts sind Kriminalitäts- und Sucht- sowie Gewaltprävention. Um diese Ziele zu erreichen, werden in Zusammenarbeit mit Role Models und Polizeibeamten Veranstaltungen und Workshops zu verschiedenen Themen angeboten. Sozialpädagogische Beratung und die Vermittlung von Werten stehen im Mittelpunkt. Das Projekt ermöglicht eine Problementlastung und steigert dadurch die Selbsterhaltungsfähigkeit des Lebens und ermöglicht die aktive Teilnahme an der oberösterreichischen Gesellschaft.

2. Kategorie „Steigerung der Selbsterhaltungsfähigkeit – frauenspezifische Projekte“: Projekt „Interkultureller Frauentreff mit bikultureller Begleitung“ (Verein Begegnung Arcobaleno)

Viele afghanische Frauen haben wenig Zugang zu Informationen und wenig Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft. Das Ziel des vom Verein Arcobaleno getragenen Projekts ist es, Mädchen und Frauen zu informieren und zu stärken. Expert/innen informieren bei 14-tägigen Treffen über das Schulsystem, Arbeit & Ausbildung und Frauenrechte. Nachhaltig sollen die Frauen durch die Informationsangebote über mehr Wissen und Handlungskompetenzen verfügen.

3. Kategorie: „Integration und Zusammenleben vor Ort – Sensibilisierungsarbeit: Projekt „Stand Up“ (SOS Menschenrechte)

Ziele des Projekts sind die Vermittlung von Sachwissen, um Ursachen und Konsequenzen von Vorurteilen und Desinformationen auf den Grund zu gehen. Das Projekt soll Diskussionsräume für Themen wie Flucht, Asylgründe und Kriminalität schaffen und den Dialog mit Afghan/innen als ‚Co-Trainer/innen‘ ermöglichen. Der Abbau von Vorurteilen soll die Teilhabechance der in OÖ lebenden Afghan/innen positiv beeinflussen. Jugendliche, die an den Workshops teilnehmen sollen informiert und sensibilisiert werden und fungieren als Multiplikator/innen in ihrem eigenen Umfeld. Die Kompetenz mit Medien sinnvoll umzugehen, soll in den Workshops gestärkt, die rechtliche und soziale

Situation von Flüchtlingen in Österreich nähergebracht und kulturelle Unterschiede reflektiert werden.

4. Kategorie: Integration und Zusammenleben vor Ort: Projekt „Selbstläufer“ (JAAPO, Diözese Linz)

Selbstläufer/innen sind Multiplikator/innen und Role-Models in ihren Communities und Brückenbauer/innen zwischen Aufnahmegesellschaft und Herkunftsland. Sie werden im Rahmen des Projekts gestärkt und professionalisiert. Selbstläufer/innen organisieren Workshops oder Austauschgespräche und werden von Quartiergebern, Gemeinden, Hilfsorganisationen etc. angefordert. Dadurch wird die Selbsterhaltungsfähigkeit gefördert und Zugang zu vorhandenen Angeboten der Regelsysteme (z.B. Beratungsstellen) geschaffen. Die Regelsysteme werden entlastet, da bereits eine Grundorientierung erfolgt. Das Projekt fördert die Selbstermächtigung und baut Hemmschwellen zu Beratungsorganisationen, Institutionen und Behörden ab. Die Selbstläufer/innen werden hinsichtlich ihres Engagements gestärkt und leisten einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit diskriminierter Personengruppen. Durch das eigene sinnvolle Tätigwerden wird der Perspektivenlosigkeit entgegen gewirkt.

5. Kategorie: Sucht- und Kriminalitätsprävention: Projekt „get.up“ (pro mente Oberösterreich)

Suchtmittelkonsum ist ein Problem, das häufig in Verbindung mit Delikten vorkommt. Zielgruppe des Projekts get.up sind Menschen mit Migrationshintergrund aus Afghanistan, die illegale Drogen konsumieren. Ziele sind die Kriminalitäts- und Suchtprävention. Der Respekt im Umgang miteinander, die nachhaltige Stabilisierung der Teilnehmer/innen, die Stärkung des Durchhaltevermögens und das Erlernen von sozialen Soft Skills soll erreicht werden. Dafür werden Alltagskompetenztraining, Einzel- u. Gruppengespräche am Standort Linz und in weiteren Regionen angeboten.

Afghan/innen in Oberösterreich

Von den 7.021 in Oberösterreich lebenden Menschen aus Afghanistan, befinden sich 3.627 in Grundversorgung (GVS) – Afghan/innen bilden somit die größte Gruppe in der GVS mit 57 Prozent aller 6.365 Grundversorgten. 3.394 der Afghan/innen in OÖ haben bereits einen Aufenthaltsstatus erhalten.

Grafik 1: Afghan/innen in Grundversorgung (Quelle: GVS)

Von den 3.627 Afghan/innen in Grundversorgung befindet sich der Großteil in der 2. Instanz (2.813). 480 davon sind Subsidiär Schutzberechtigte, 176 Asylberechtigte und 89 befinden sich in der 1. Instanz.

Grafik 2: Afghan/innen in der Grundversorgung (Quelle: GVS)

66 Prozent der Afghan/innen sind männlich und 34 Prozent weiblich. Der Großteil der in Österreich lebenden Menschen aus Afghanistan in der Grundversorgung ist jünger als 40 Jahre. 1.305 von ihnen sind minderjährig.

Grafik 3: Aufteilung nach Geschlecht (Quelle: GVS)

Grafik 4: Aufteilung nach Alter (Quelle: GVS)

Asylanträge mittlerweile unter langjährigem Niveau

Die Zahl der Asylanträge geht in Österreich weiter zurück. Im Jahresvergleich reiht sich 2018 mit 13.400 Anträgen an zwölfter Stelle seit 2002 ein.

Grafik 5: Asylanträge nun unter langjährigen Niveau (Quelle: BMI; derstandard.at) Es zeigt sich ein steigender Anteil von Frauen bei Asylwerbenden.

Die Anerkennungsquoten bei Afghan/innen sind in Österreich höher als angenommen. 2018 waren bei Menschen aus Afghanistan die Asylbescheide (inkl. 2.Instanz) zur Hälfte positiv, zu 41% negativ. Auffällig dabei ist, dass die Anerkennungsquote bei Frauen aus Afghanistan vergleichsweise sehr hoch bei rund 78 Prozent liegt.

Grafik 7: Stark abweichende Anerkennungsquoten (Quelle: BMI; derstandard.at)

Grafik 8: Schwankende Anerkennungsquoten (Quelle: BMI; derstandard.at)

Rainer Hilbrand

About the author

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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