Altaussee/München
27. Oktober, 2017 um 11:32

Reinhold Messner, Hanspeter Eisendle, Albert Precht und Hansjörg Auer: Die Liste der bisherigen Preisträger des Paul-Preuss-Preises, der seit 2013 von der Paul-Preuss-Gesellschaft an Bergsteiger vergeben wird, “deren Einstellung und Leistungen die Grundsätze des Paul Preuss widerspiegeln”, ist (noch) recht überschaubar.

Alexander Huber fünfter Träger des Paul-Preuss-Preises
Die internationale Paul Preuss Gesellschaft mit Sitz in Grundlsee, ihrem Obmann Lutz Maurer und ihrem Ehrenvorsitzenden Reinhold Messner vergibt einmal jährlich an herausragende Bergsteiger und Kletterer diesen mittlerweile begehrten Bergsteigerpreis zum 5. Mal, deren Einstellung und Leistungen die Grundsätze des Paul Preuss widerspiegeln.
Der als geistiger Vater des Freikletterns berühmte Paul Preuss wurde ein Vorbild für Topathleten der heutigen Freeclimbing-Szene. Seine für die damalige Zeit unglaublich kühnen Alleingänge haben das Klettern revolutioniert. Sein Credo „Das Können ist des Dürfens Maß“ ist ein philosophischer Ansatz, der nicht nur für das Klettern, sondern auch für viele andere Bereiche des Lebens gilt.
Der Jury gehören namhafte Alpinisten und Alpin-Journalisten sowie der jeweils letztjährige Preisträger an. Die Zusammensetzung der Jury ändert sich periodisch.

Weitere Informationen zur Paul-Preuss-Gesellschaft  unter www.paulpreuss-gesellschaft.at

Fotos: © Markus Raich

Die Geschichte des Paul Preuss

Herkunft
Paul Preuss war der Sohn jüdischer Eltern, des aus Fünfkirchen in Ungarn stammenden Klavierlehrers Eduard Preuss und der Elsässerin Caroline Lauchheim. Die Beiden hatten sich in einem adeligen Wiener Haus kennengelernt, in dem Caroline als Hausdame arbeitete und Eduard Klavierunterrricht gab. 1882 heirateten sie, bezogen eine Wohnung am Franz-Josephs-Kai. Im Sommer begleiteten sie ihre Herrschaft in die Sommerfrische, zunächst an den Traunseee und ab 1876 in den aufstrebenden Kurort Aussee. Dort gab Eduard ebenfalls Klavierunterricht. Im Frühjahr 1886 erwarb er ein kleines, noch heute bestehendes Haus in Altaussee, in dem Paul Preuss am 19. August 1886 als jüngstes von drei Kindern zur Welt kam. Die Schwestern Sophie und Mina waren damals drei und zwei Jahre alt.

Kindheit und Jugend
Dem grazilen Buben hätte wohl niemand eine große Karriere als Bergsteiger prophezeit. Durch eine Infektion teilweise gelähmt, verbrachte Paul ein halbes Jahr im Rollstuhl. Wieder genesen, erwarb er sich durch Gymnastik und Spaziergänge mit dem Vater, einem begeisterten Hobbybotaniker, Kraft und Geschicklichkeit. Sie ließen ihn vorerst zu einem guten Tennisspieler und Fechter werden. Zudem spielte er Klavier und Schach, lernte Französisch, Italienisch und Englisch.
1897 begann er erste Bergtouren in den Wiener Hausbergen zu unternehmen, wagte sich danach auf die leichteren Gipfel des Salzkammerguts. Dort wurde der Ischler Salineningenieur Hans Reinl sein alpiner Lehrmeister.

Alpine Laufbahn
Mit der Begehung der Planspitze-Nordwand im Gesäuse am 11. Juli 1908 – “meine erste Bergfahrt mit sportlichem Wert” – begannen für Preuss die Jahre, in denen er sein Können von Berg zu Berg steigerte. Er zog in den Wilden Kaiser, in die Westalpen, vor allem aber immer wieder in die Dolomiten. Dort brach er mit Mina, seiner ebenfalls ehrgeizigen Schwester, und seinem Freund Paul Relly am 28. Juli 1911 zu seiner spektakulärsten Tour auf. Das Ziel : die Guglia di Brenta, auch Campanile Basso genannt, ein gewaltiger Felsobelisk in der Brenta-Gruppe. Auf einem Band unter der 120 m hohen Ostwand ließ er die Beiden zurück, bestieg als Erster die glatte, senkrechte Wand. Nach seiner Rückkehr eröffneten ihm Mina und Paul, dass sie sich in der Zwischenzeit verlobt hatten…

Wochen später waren die drei auch an den Drei Zinnen unterwegs. Ein Turm an der Kleinen Zinne faszinierte die beiden Männer. Entgegen aller gewohnten Vorsicht brachen sie zu spät und ohne größere Ausrüstung auf, bestiegen den Turm durch einen schwierigen Riss, mussten jedoch beim Abstieg, nur durch ein Seil an den Felsen gebunden, eine eiskalte Nacht überstehen. Italienische Bergfreunde benannten den Riss später nach Paul; der Turm wurde zum “Torre Preuss”.

1911 war überhaupt das erfolgreichste Jahr in der kurzen Laufbahn des Altausseers. Von Juni bis Oktober bestieg er nicht weniger als 93 Gipfel. Insgesamt gelangen Paul Preuss von 1906 bis 1913 unglaubliche Fels-, Eis- und Skitouren.

Berufliche Laufbahn
Paul Preuss begann in Wien Pflanzenphysiologie zu studieren, wechselte aber dann an die Universität München. Sein Gehalt am Botanischen Institut besserte er dort durch Vorträge und – eine Neuheit – sogar Lichtbildervorträge auf. Zudem schrieb er zahlreiche Artikel für alpine Zeitschriften. Ein Grund für den Wechsel nach München war auch die Tatsache, dass die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Mekka der Kletterer war.

In München fand Preuss neben vielen hervorragenden Alpinisten auch einen ihm gleichrangigen Freund: Der Wuppertaler Hans Dülfer akzeptierte aber im Gegensatz zu Preuss technische Hilfsmittel. So entwickelte er auch den “Dülfersitz”, eine spezielle Abseilmethode. Dülfer überlebte Preuss nur um zwei Jahre, er fiel 1915 im Ersten Weltkrieg.

Kletterphilosophie
Paul Preuss war der konsequenteste Freikletterer seiner Zeit, in der alle hohen Gipfel bereits bestiegen waren, nur noch die schwierigsten Wände lockten. Sie wollten die meisten Bergsteiger mit technischen Hilfsmitteln bezwingen. Preuss hingegen vertrat kompromisslos die Ansicht, dass nicht mit technischem Aufwand, sondern ausschließlich nur durch das Können des Kletterers schwierige Wandprobleme gelöst werden dürfen: “Das Können ist des Dürfens Maß”

Die sechs Grundsätze des Paul Preuss
Bergtouren, die man unternimmt, soll man nicht gewachsen, sondern überlegen sein.
Das Maß der Schwierigkeiten, die ein Kletterer im Abstieg überwinden kann, muss die oberste Grenze dessen darstellen, was er im Aufstieg versucht.
Der Gebrauch von künstlichen Hilfsmitteln ist daher nur im Falle unmittelbar drohender Gefahr erlaubt.
Der Felshaken ist eine Notreserve und nicht die Grundlage des Kletterns.
Das Seil darf nur ein erleichterndes, nie aber das allein seligmachende Mittel zur Besteigung sein.
Zu den höchsten Prinzipien gehört das der Sicherheit; jener Sicherheit, die bei jedem Kletterer in der richtigen Einschätzung seines Könnens beruhen soll.

Mit diesen Grundsätzen waren die meisten großen Bergsteiger seiner Zeit nicht einverstanden, es kam zu heftigen Diskussionen im sogenannten “Mauerhakenstreit”.
Tragisch, dass Preuss trotz seiner Sicherheitsmaxime nur 27 Jahre alt wurde. Im Herbst 1913 brach er zu einer Tour in den Gosaukamm in Salzkammergut auf, bestieg einige Gipfel, wollte zuletzt die Nordwand des Mandlkogls durchklettern. Bei einer Rast in der Wand dürfte sein Messer zu Boden gefallen sein. Als er sich danach bückte, so lautet die gängige Version, glitt er auf dem bereits nassen Fels aus und stürzte in den Tod. Seine von Schnee bedeckte Leiche wurde erst Tage später im Rahmen einer großen Suchaktion gefunden.

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